Wort zum Sonntag für 22. August:

S taat und Religion, Thron und Altar, Glaube und Macht - das ist ein schwieriges Feld. Auf beiden Seiten gibt es Ängste vor allzu großem Einfluss der anderen Seite. Aus der Geschichte kennen wir Beispiele zur Genüge, welche Schäden eine monopolisierte Machtfülle anrichten kann. Diktaturen auf der einen Seite, religiöse Herrscher in "Gottesstaaten" auf der anderen. Gut, dass es bei uns ein klares institutionelles Trennungsgebot gibt. Dennoch bleibt immer die Gefahr der Übergriffigkeit, der Vereinnahmung und der Instrumentalisierung der anderen Seite bestehen.

Ende letzten Jahres wurde das Berliner Stadtschloss mit dem Humboldt Forum eingeweiht. Während des Baus gab es heiße Diskussionen um das Aufsetzen des Kuppelkreuzes und der darunter verlaufenden Inschrift: "Es ist in keinem anderen Heil, es ist auch kein anderer Name den Menschen gegeben, denn der Name Jesu, zur Ehre des Vaters, dass im Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind" - eine Kombination der zwei Bibelworte Apostelgeschichte 4,12 und Philipper 2,11.

Der Berliner Kultursenator Klaus Lederer kritisiert, dass diese Inschrift einen Herrschaftsanspruch des preußischen Königs als Weltmacht begründen sollte, der um 1850 Kreuz und Inschrift anbringen ließ. Andere sehen einen Widerspruch zwischen dem Bibelzitat, das einen absoluten christlichen Machtanspruch behaupte, und dem Programm des Humboldt Forums als offener Ort für den weltweiten Austausch von Kultur und Wissenschaften.

Auch wenn man in Rechnung stellt, dass im 19. Jahrhundert das Verständnis der Trennung von Staat und Kirche noch nicht das heutige war, fragt sich, ob der König damit nur seine Machtposition als von Gottes Gnaden stärken wollte. Er war auch ein tief gläubiger Mensch. Dazu passt schwer, dass er diese Bibelworte machtpolitisch missbraucht haben sollte. Grundsätzlich wird hier die Frage aufgeworfen, in welcher Weise z.B. Politiker und Politikerinnen heute überhaupt ihrem Glauben - nicht nur privat - Ausdruck verleihen können und dürfen.

Am meisten bedaure ich, dass Sinn und Zusammenhang des Zitats so wenig berücksichtigt werden. Nicht vor der Kirche oder der christlichen Religion sollen sich aller Menschen Knie beugen, sondern allein vor Jesus Christus. Das ist ein gewaltiger Unterschied! Auch die Kirche und der einzelne Christ haben sich zu dieser Jesus Christus von Gott gegebenen Vollmacht zu verhalten.

Zudem heißt es im Zusammenhang von Philipper 2,6-11, dass dieser Jesus Christus sich zunächst freiwillig erniedrigt hat und sich aller Macht entledigte. Gott gefiel es, einem ohnmächtig am Kreuz Hingerichteten den größten Namen zu geben und durch ihn Heil zu schenken. Das ist die christliche Lehre, die - ohne jede politische Macht - verkündigt wird, egal wie kritisch das Zeitströmungen sehen.

Übrigens: Beim Berliner Stadtschloss hat sich schließlich der Denkmalschutz durchgesetzt: Er erlaubte keine Kompromisse bei der originalgetreuen Wiederherstellung des Gebäudes. Und ein Votum der Stiftung Humboldt Forum sprach sich als Bauherrin endgültig für den Bau des Kreuzes aus. Es ist wichtig, dass sich sowohl Staat als auch Kirche beziehungsweise die Religionen immer wieder selbst klar machen, was ihr eigentlicher Auftrag und ihre Grenze ist.

Dekan Till Roth,

Lohr am Main