Wieder, wie in jedem Jahr, steht die Statue der Mutter Gottes schon einige Tage vor der Prozession im Kirchenschiff der Oberen Pfarre. Stille Beter, die Kerzen vor ihrem Bild angezündet haben, aber auch viele Touristen verweilen davor.
"Sagen Sie mir", spricht mich ein fremder Herr an, "warum steht diese Madonna, so kostbar angezogen und geschmückt, hier unten in der Kirche? Sicher gehört sie doch da oben in den Hochaltar. Hat sie etwa eine Reise vor?" "Wie mers nimmt", antworte ich. "Am Sonntag nach dem 15. August besucht die Freudenreiche in einer Prozession die schmerzhafte Mutter von St. Martin. Und das ist seit mehr als 300 Jahren so.
"Wunderbar!" Der Fremde ist hoch erfreut. "Das passt ja genau zu der Begegnung der zwei Madonnen, die mein Landsmann, der Schweizer Schriftsteller Gottfried Keller, augenzwinkernd erzählt hat. Er war, wie ich, protestantisch getauft, und für ihn war die katholische Marienverehrung, wie er sie in seinem Studium in München erlebt hat, sehr ungewöhnlich, fremd und doch faszinierend. In einer Episode im ,Grünen Heinrich' hat er sie verarbeitet. Darf ich sie Ihnen erzählen", fragt mich der literaturerfahrene Tourist. "No freilich!"


Dicke Milch statt Schnepfen

Zwei berühmte Madonnenfiguren, die Mutter Gottes von Tschenstochau und Unsre Liebe Frau von Einsiedeln trafen auf einer Reise zufällig zusammen. Im Garten eines Wirtshauses wollten sie mit ihrem Gefolge zu Mittag essen. Die Wirtin brachte eine große Schüssel mit gebratenen Lerchen und als Krönung oben drauf eine Schnepfe. Die nahm die Polin sofort auf ihren Teller, weil sie doch die Vornehmere sei. Aber die Frau von Einsiedeln machte mit einer lässigen Handbewegung nur "swips" und die Schnepfe flog, gefiedert und lebendig, sofort davon. Darauf streifte die Schweizerin sämtliche Lerchen auf ihre Teller und die ihres Gefolges. Nun pfiff die Frau von Tschenstochau "tirili". Alle Lerchen flatterten auf und verschwanden singend in der Höhe. Jetzt saßen die himmlischen Herrschaften vor leeren Tellern und mussten sich schließlich mit dicker Milch begnügen, wobei sich ihre schwarz-braunen Gesichter schmerzlich verzogen haben sollen.
"No, do sähng Sie den Unterschied", sag ich etwas ironisch zu dem Herrn und deute auf "unsre" Muttergottes. "Is sie net schöö rosig, zäfriedn und hilfreich? Sie tät sowos nie machen!" Gleichzeitig mit meinem Dank für seine Erzählung frage ich ihn, ob ich mich mit einer bodenständigen Geschichte revanchieren dürfe. "Da bin ich aber gespannt!" antwortet er schnell.


"Auf an Baa steht mä net!"

Die Babett, eine Hallstadterin, verkaufte jeden Samstag auf dem Bamberger Wochenmarkt Gemüse und Obst, je nach Jahreszeit. Doch einmal im Jahr, nach Marktschluss, machte sie sich auf den Weg zur Oberen Pfarre. Sie wusste, dass am Tag vor der Prozession das Muttergottesbild im Kirchenschiff stand, ganz nah für die Besucher. Zuvor genehmigte sie sich unterwegs noch einen Schnaps. Aber es blieb halt nicht bei einem. "Auf an Baa steht mä net!"
Auf ihren zwei Beinen konnte sie dann doch noch den Kaulberg hinauf zur Oberen Pfarre gehen. Sie zündete eine Kerze an und kniete sich vor die fürstlich gekleidete Marienstatue, die von Blumensträußen und zwei Lorbeerbüschen umgeben war. Halblaut betete sie: "Heilicha Muttä Gottes vo dä Obern Pfarr, ich dank diä schöö, dassd' mich des ganza Johä behüt' host und dass mei Gschäft so gut ganga is und aa däfüä, dassd' mä immä widdä mei Schnäpsla vägönnst!"
Da war plötzlich eine zarte Bubenstimme zu hören: "Trink ka Schnäpsla, trink Wässerla! Trink ka Schnäpsla, trink Wässerla!" Die Babett war zunächst wie vom Donner gerührt, denn sie bemerkte ja den Ministranten nicht, der sich hinter dem Lorbeerbusch versteckt hatte. Aber dann sagte sie entrüstet in Richtung des Jesuskinds: "Halt die Schnäbbberla, du Frätzla, ich hob mit deinä Muttä geredt!"