Wenn man im Stadtarchiv Kronach die Unterlagen über das Bierbrauen durcharbeitet, dann dreht sich alles um das Brauen von dunklem Bier. Das Brauen von Weißbier hingegen war in früheren Zeiten in unserer Gegend nicht üblich. Weißbier galt deshalb als ein "Luxusgetränk".

Dass der Büttnermeister Johann Wagner der erste Kronacher war, der im Jahre 1803 um eine Erlaubnis nachsuchte, eine Weißbierbrauerei errichten zu dürfen, ist sehr wahrscheinlich. Denn seine Anfrage um Genehmigung führte zu einer Grundsatzentscheidung der Kurbayerischen Landesdirektion in Bamberg, das Brauen von Weißbier in Kronach betreffend.

Um sein Vorhaben umsetzen zu können, hatte Wagner bereits im Jahre 1799 das alte Dörrhaus von der Stadt erworben. Dieses befand sich in der Judengasse in nächster Nähe vom Hämmel/Storchenturm. Hier wollte er seine Weißbierbrauerei betreiben.

In einem Gesuchschreiben an die Churfürstliche Landesdirektion bittet er 1803 untertänigst darum, in seinem Haus "eine Brauerey für weises Bier" anlegen zu dürfen. Dazu merkt er an, dass braunes Bier im Überfluss gebraut wird, nicht aber weißes. Er ist "aber überzeugt, dass man dessen auch bedarf, indem von vielen Reisenden hierüber Nachfrage geschieht, öfters Kranken solches verordnet wird, und bey Manchem, der keinen Geschmack an braunen Bier findet, die Kösten auf Wein nicht wenden kann, die Stelle des Letzteren vertritt. Man lässt sich daher diese Gattung Getränkes von andern weit entlegenen Orten mit großen Kösten bringen."

Weiterhin bekräftigt er sein Anliegen um die Einrichtung einer Weißbierbrauerei damit, dass sein Vorhaben zum Nutzen der Kronacher Bevölkerung sei. "Den Bäkern daselbst fehlt es an Heffen. Sie sind daher nicht im Stande, jenes gute Brod zu liefern, welches bey diesem gehobenen Mangel geschehen würde. Durch Weisbierbrauerey würde diesem Mangel abgeholfen, und die Stadt mit besseren weisen Brod versehen werden können. Folgende Gründe werden das Gesuch rechtfertigen, dass ich diese Brauerey nicht in dem Stadtbrauhause, sondern in meiner eigenen Wohnung treiben will."

Was er nun über die damaligen Stadtbraumeister anführt, ist alles andere als die feine Art, denn er stellt ihnen ein übles Zeugnis ihres Könnens aus. Er vermerkt:

" a) die so genannten Stadtbraumeister verdienen nichts weniger als diesen Namen; die wenigsten sind gelernte Bierbrauer, weises Bier verstehen sie schon gar nicht zu brauen; Es fördert dasselbe vorzügliche Aufmerksamkeit, besondere Kenntnisse und den größten Fleiß.

Weises Bier wird auch im Sommer gebraut und bey den geringsten Versehen wird solches untauglich.

b) Sind die Stadtbrauhäuser zu großen Gebräuen eingerichtet; nach der von mir gemachten Berechnung aber darf ich nicht wagen, auf einmal mehr als 10 oder 12 Eimer zu brauen.

c) Ist mein Haus schon mit dem Feuerrecht versehen."

Wie zu dieser Zeit üblich endet das Gesuch mit der ergebensten Bitte: "Ich stelle diese Gründe dem weisesten Ermessen von einer Churfürstlichen Landesdirection zur Beurtheilung anheim, und ersterbe in tiefster Erniedrigung unterthänigst gehorsamster Wagner, Büttnermeister zu Kronach."

Um Klarheit in dieser Angelegenheit zu bekommen, ob in Kronach eine Weißbierbrauerei gewünscht werde oder vonnöten sei, forderte die Landesdirektion die Stadt Kronach auf, eine Stellungnahme zu diesem Vorhaben abzugeben und einen ausführlichen Bericht nach Bamberg zu senden.

Widerstand aus der Stadtspitze

Der Bericht der Stadt, der als Abschrift erhalten ist, umfasst acht Seiten. Aus ihm geht hervor, dass die Stadtvogtei und der Bürgerrat vom Vorhaben des Wagner alles andere als erbaut waren. Als einzig Positives stellen sie fest, dass sich durch das Brauen des "Weißen Bieres" die Versorgung der Bäcker mit Hefe verbessern würde. Alle anderen Gründe sprechen gegen die Genehmigung einer Weißbierbrauerei in den Stadtmauern.

Private als auch Landesfürstliche Interessen würden dadurch große Nachteile erleiden, würde man dem Wagner gestatten, allein in seinem Haus brauen zu dürfen. Um Gerechtigkeit bemüht und um eine Übersicht zu haben, werden die Brautermine jedes Jahr durch Los entschieden. Schließlich habe jeder Kronacher Bürger das Recht Bier zu brauen und es zu "verzapfen". Die Stadt habe deshalb für alle Bürger zwei öffentliche Brauhäuser errichtet, in denen genügend Bier gebraut werden kann. Zudem sei in den Brauhäusern die öffentliche Aufsicht gewährleistet. Allerdings muss angemerkt werden, dass in den beiden gemeinen Brauhäusern nur braunes Bier gebraut werden kann. Da fast jeder Bürger sein Braurecht wahrnimmt, ergibt sich eine beträchtliche Menge an braunem Bier in der Stadt. Sollte sich das Weißbier als Konkurrenz erweisen, dann müsste den größten Teil vom braunen Bier das "platte Land" (Landbevölkerung) erwerben, sollte es nicht übrig bleiben oder gar verderben.

Zwar bestehe immer noch der ausgebreitete Bierzwang, der vorschreibt, dass die Landbevölkerung in der Hauptmannschaft Kronach ihr Bier in Kronach einkaufen muss. Aber der Zwang wird "nicht mehr wie vorher in älteren Zeiten mit einer besonderen Strenge gegen die Landleute" angewendet. Immer öfter kann man feststellen, dass die Landleute ihr Bier aus "ausländischen Gebieten" beziehen. Der Bierabsatz geht deshalb spürbar zurück und der Bürger verspürt einen herben Verlust.

Obwohl man sich sicher sei, dass das weiße Bier keinen Beifall findet, da man es weder in der Stadt noch auch auf dem Land gewöhnt sei, es zu trinken, ist dennoch nicht auszuschließen, dass es Aufsehen erregt und "in der Folge Liebhaber bekömt, weil es süß und angenehm zu trinken ist, auch wohlfeil angezapft werden kann." Hierdurch hätte der Wagner einen Gewinn zum Schaden der anderen Bürger.

Ein finanzieller Verlust

Das Aufkommen von Weißbier hätte zur Folge, dass weniger braunes Bier gebraut und verungeldet (besteuert) würde, was ein finanzieller Verlust der Stadt- und der Landeseinnahmen wäre. Wie Wagner mitteilt, beabsichtige er mit einem Gebräu 10 bis 12 Eimer herzustellen. Nachdem ein Brauvorgang nach Angaben von Wagner, nach ca. 10 Stunden abgeschlossen ist, könnte dieser die gleiche Menge nochmals an einem einzigen Tag brauen. Dabei wäre es möglich, das gesottene Bier an einem verborgenen Orte auszusetzen und zu verstecken, wodurch das Umgeld für die Stadt verloren wäre. Eine gesonderte Aufsicht gestalte sich schwierig und sei sehr kostspielig. Zudem habe Wagner als Bürger der Stadt auch das Recht, braunes Bier in den Brauhäusern brauen zu lassen.

Sollte die Churfürstliche Landesdirektion jedoch anordnen, dass weißes Bier gebraut werden soll, "wäre der Unterzeichneten offiziell sehnliche Meinung, diese Gnädigste Erlaubnis im allgemeinen jeden Bürger doch nicht anderst zu erteilen, als das nacher ein Brauhaus auf Kosten der Gemeinde erbauet und jeder unter ordentlicher Aufsicht darinnen dergleichen Bier brauen" muss.

Die ablehnenden Begründungen von Stadtvogteiamt, Bürgermeister und Rat der Stadt Kronach reichten der Landesdirektion aus, um das Ansuchen des Johann Wagners um Genehmigung des Weißbierbrauens abzuschlagen. Die Mitteilung hat folgenden Wortlaut:

"Im Namen seiner Churfürstlichen Durchlaucht zu Pfalzbajren

Wird das Gesuch des Johann Wagners zu Kronach um die Erlaubniß, eine Weißbierbrauerey allda zu errichten, aus der von der Amtsadministration dann dem Bürgerrathe daselbst vorgelegten Gründen, abgeschlagen. Dieses hat das Churfürstliche Stadtvogteyamte dann der Bürgerrath dem gedachten Wagner bekannt zu machen.

Bamberg den 28 ten September 1803."