von unserem Mitarbeiter Tom Goeller

Kirchlauter — Der Erste Weltkrieg begann nach dem Attentat auf den österreichischen Thronfolger in Sarajevo mit der Kriegserklärung Österreichs an Serbien am 28. Juli 1914. Es starben 17 Millionen Menschen im Verlauf dieses Krieges. Am 1. August 1914 ordnete auch Kaiser Wilhelm II. die Generalmobilmachung in Deutschland an.
Vom 2. August 1914 bis 15. November 1918 führte der Kirchlauterer Hans Hofmann (1893 - 1976) ein Tagebuch. Zunächst hielt er seine Eindrücke auf einfachen Papierbögen fest; später, in den Schützengräben von Flandern und Russland, kritzelte er seine Notizen auf Zettelchen, die er in seiner Brusttasche aufbewahrte. Nach Ende des Krieges schrieb er fein säuberlich seine gesamten Notizen in einer Kladde nieder, seinem "Kriegstagebuch 1914/18", eine Rarität ersten Ranges.

An der Westfront in Flandern

Der FT veröffentlichte erste Auszüge daraus bereits am 18. Juli 2014. Hofmanns Enkel Tom Goeller hat erneut Auszüge zusammengestellt und kommentiert: "Mein Großvater Hans Hofmann diente zunächst als einfacher Soldat. Er war 1914 an der Westfront in Flandern/ Belgien eingesetzt, und zwar im Nachschub für die Artillerie. Vor allem um die Stadt Ypern tobte im Herbst des ersten Kriegsjahres eine ,Vernichtungsschlacht‘, besser bekannt unter der Bezeichnung Schlacht von Langemarck, in der im Oktober und November 1914 rund 240 000 Soldaten auf beiden Seiten fielen."
Hans Hofmann schreibt über diese Zeit aus einer Stellung südlich von Ypern im November 1914: "Wir mussten wieder Munition anliefern, diesmal direkt in die Feuerstellungen an der Front, und nicht wie sonst an die Artillerie-Kolonne. Wir waren vierzehn Tage von unserem Truppenteil getrennt. Deshalb lebten wir wie im blinden Nebel, wussten kein Datum mehr, keinen Wochentag zu nennen. Erst am 2. Dezember wurden wir abgelöst."
Dezember 1914: "Wir hatten jetzt endlich Gelegenheit, wenigstens beim Schlafen mal die Uniform abzulegen. Das war seit 16. Oktober nicht der Fall gewesen. Endlich erfuhren wir wieder so manche Neuigkeit, auch durch einen französisch-sprachigen belgischen Pfarrer, der uns zugeteilt war.
Er spendete in seiner Sonntagspredigt den Gläubigen Trost und versuchte, uns Hoffnung einzuflößen. Aber er sagte auch, dass die Deutschen nicht siegen werden und Calä (Calais) nicht fallen werde, denn England bringe schon Reserven heran."
Hofmann gibt Einblicke in Kriegsgeschehen, die so nicht in Geschichtsbüchern stehen, nämlich, wie die Soldaten hinter der Front eingesetzt waren.
4. Dezember: "Wir mussten Weiden schneiden und daraus ,Hirten‘ (Weidengeflechte zum Abstützen von Erde) und ,Faschinen‘ (Rutenbündel) flechten, als Material zu Stellungsbauten. Es ging also allmählich zum Stellungskrieg über."
22. Dezember: "Post, darunter ein Kistchen mit Gebäck. Großvater teilte mir mit, dass mein Bruder Baptist gefallen ist. Ich selbst hatte seit Kriegsbeginn kein Lebenszeichen von ihm erhalten. Allgemeine Vorbereitung zum Weihnachtsfest. Einüben von Gesängen, Theater und sonstigen Unterhaltungen." 23. Dezember: "Vor an die Front, an den Dörfern Warneton und Comines vorbei. Eine schreckliche, wüste Nacht unter Regenstürmen. Es war nass-kalt. Ich musste die Weiden mit einigen Fuhrwerken über einen zwanzig Kilometer langen Weg, der von Pionieren mit Brettern befestigt worden war, an die Front vorfahren. Unterwegs traf ich Telefonisten, die Leitungspatrouille machten, denn der heftige Sturm riss die Telefondrähte von den Straßenbäumen herunter, sodass diese auch Hindernisse für die Fuhrwerke darstellten. Denn die abgerissenen Kabel wickelten sich um die Räder der Wagen und um die Beine der Pferde. Nach acht Stunden waren wir wieder zurück. Im Quartier erneut Post, diesmal von meinem Saalmeister Michael Schmitt von der Firma Fichtel und Sachs (Hofmann war bei Kriegsausbruch bei der Schweinfurter Fabrik für Fahrradnaben - den berühmten "Torpedo" - als Arbeiter beschäftigt).
Heiligabend: "Hatten uns von der Front ein Christbäumchen mitgebracht, denn bei uns im Quartier gab es keine Bäume mehr. Ringsherum Bänke und Stühle, in der Mitte ein Tisch. Unser Unteroffizier holte "Liebesgaben", verteilte sie dann nach Gutdünken und machte jedem eine Freude. Punkt halbacht gingen wir in die Kirche eines nahegelegenen Nonnen-Hospizes, die die Schwestern für uns geschmückt hatten. Unser strenger Hauptmann ging zum Altar und hielt eine ergreifende Ansprache. Danach kam aus der Sakristeitüre ein kleines, weiß-gekleidetes Mädchen im Sternengewand und mit Schleier und Kranz im Haar und öffnete für uns das Krippelein. Der Anblick ist mir tief ins Herz gewachsen. (...) Hierauf wurde von uns das feierliche ,Stille Nacht, Heilige Nacht‘ gesungen, unter Begleitung von Geigen und einem Harmonium, gespielt von unseren Kameraden. Die Schwestern zeigten sich beeindruckt von dieser Feier der bayerischen Truppen. Aber eines fehlte uns doch: unsere schöne teure Heimat; wir trösteten uns gegenseitig, wenigstens am Osterfest wieder bei unseren Lieben sein zu können."
Bekanntlich erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Es folgten vielmehr drei weitere "Weihnachten im Felde", wie Hofmann schrieb. Allerdings fielen die künftigen Beschreibungen wesentlich knapper aus.
Weihnachten 1915 vergessen!
Der Krieg begann Hofmann derart mitzunehmen, dass er am 11. Januar 1916 schreibt: "Habe vergessen, etwas über Weihnachten 1915 zu berichten, nun will ich es kurz nachholen: "Wir lagen am Weihnachtsabend in einer kleinen Schule auf dem Boden, der mit Papier ausgelegt war. Unser "Anzug" glich einen "Aufzug", denn wir hatten unsere Beine bis zu den Oberschenkeln hoch mit Sandsäckchen zugebunden, damit der Lehmdreck nicht oben zu den Stiefeln hereinkam. (...) In einem mir unbekannten Dörfchen in einem Kirchlein wohnten wir dann dem Gottesdienst bei. Ein französisch-sprachiger Pfarrer hielt das Mahl. Ein alter Franzmann sang etliche Lieder nach seiner Kraft, aber man konnte es kaum mit anhören. Von erbauender Feier konnte keine Rede sein."
1916 wurde Hofmann an die Ostfront ins heutige Weißrussland verlegt, stieg dort zum Artilleristen auf, bediente von nun an selbst die Kanonen, wurde zum Unteroffizier befördert und an Weihnachten dann die Überraschung: "Am 24. Dezember hatte ich einen Ehrentag. Erhielt von Major Fischer das E.K. II überreicht." Das Eiserne Kreuz (EK) war eine Auszeichnung für kämpfende Soldaten und wurde in zwei Klassen verliehen. Dann Hofmann kurz weiter:
"Heilig Abend: Eine Ansprache vom Hauptmann, dann Bescherung. Verbrachten die beiden Weihnachtstage in der Feuerstellung an der Front. Grimmige Kälte und großes Schneegestöber."
Keine Spur mehr von der rührseligen Weihnacht von 1914 in Flandern.
Dann jubelt Hofmann Ende 1917 über den Separatfrieden mit Russland: "Am 15. Dezember 1917 wurde bekannt gegeben, dass wirklich Waffenruhe bis zum Kaukasus eingetreten ist. Ach, welche Hoffnung, welche Freude erquickt unsere Herzen. Natürlich, einige waren dagegen und sagten, ja, wir müssten nun zurück nach Frankreich." So kam es dann auch für Hofmann.
Seine Eintragung für Weihnachten 1917 lautet: "Gutes Essen erhielt die Stimmung. Jeder hatte einen Wunsch: Friede sollte sein. Aber unser Hauptmann ließ uns sehr wenig Zeit. (...) Ich wurde auf einen Kurs zur Bedienung der Haubitze 09 geschickt."
Und danach ging es für Hofmann tatsächlich zurück an die Westfront. Das Kriegsende erlebte er dort im November 1918, wenige Kilometer vor Verdun, als Batterieführer mit Kommando über sechs Geschütze.
Nach dem Ersten Weltkrieg wurde Hofmann Polizist in Würzburg und erwarb später einen Bauernhof in Kirchlauter. Während des Zweiten Weltkrieges war er als Rettungssanitäter in Schweinfurt, wo er vor allem in den Bombennächten des Jahres 1944 seine schlimmsten Weihnachtstage erlebte. Ich erinnere mich, wie er sagte: "Damals kamen die Christbäume vom Himmel." Er meinte die Leuchtbombenabwürfe der amerikanischen Bomberflotte über Schweinfurt, die die Produktionsstätten von Fichtel und Sachs sowie Kugelfischer in Schutt und Asche legten.

Früher und heute

Weihnachten 1944 war für meinen Großvater schlimmer als die vier Jahre Erster Weltkrieg zusammengenommen. Denn damals starben buchstäblich in seinen Armen brennende Kinder und Jugendliche, die nach ihrer Mutter schrien - und er konnte ihnen nicht helfen. Ähnlich Grausames geschieht auch diese Weihnachten wieder: in Syrien, im Irak, in Pakistan, in der Ukraine, in ... Können Sie noch rührselig "Stille Nacht, Heilige Nacht" singen?
Ich ermutige Sie, im neuen Jahr die Bundestagsabgeordneten Ihres Wahlkreises 248, Dorothee Bär (CSU) und Sabine Dittmar (SPD), aufzufordern, sich in Berlin deutlicher als bisher für ein Ende solchen Unrechts einzusetzen. Lassen Sie sich von beiden nicht erzählen, dass sie an der Weltlage nichts ändern könnten. Das stimmt nicht. So: Und jetzt wünsche ich Ihnen doch noch: "Gesegnete Weihnachten!" Ihr Tom Goeller