Zum Artikel "Bitte um Kompromiss" (Bayerische Rundschau vom 26. Juli) wird uns geschrieben:

Schon so lange hatten sich die Bewohner eines kleinen, noch beschaulichen Städtchens in Oberfranken einen spannenden und abenteuerlichen Spielplatz gewünscht, so wie es ihnen andere beschauliche Städtchen in der Gegend vorgemacht hatten. Denn eine schlimme Krankheit hatte die Bewohner heimgesucht, und sie sehnten sich nach einer unbeschwerten Zeit mit ihren Kindern.

Eine kleine wackere Gruppe von BürgerInnen machte sich auf, um den Stadtbewohnern diesen Wunsch zu erfüllen. Aber leider waren einige Stadträte der Meinung, dass es schon genug schöne Plätze für Familien in der Stadt gab und man stattdessen etwas Großes bauen sollte, das viel Geld einbrachte.

Deshalb ließ die Gruppe ein wunderschönes Modell aus Holz entstehen, das im Kleinen genau dem entsprach, was sich die BürgerInnen der Stadt wünschten, das ein bisschen so aussah wie die stattliche Burg, die über dem Städtchen thronte. Dieses wollten sie den Stadträten und der Bevölkerung zeigen, damit sie sich vorstellen sollten, wie wunderbar der Spielplatz aussehen könnte.

Zunächst hatte der neue Bürgermeister das verboten. Er befürchtete, dass sich zu viele Bürger um das Modell zusammendrängen und sich mit der schrecklichen Krankheit anstecken würden. Aber eines Tages gab er doch nach und das Modell konnte aufgestellt werden, und zwar eine Stunde, bevor die Stadträte darüber entscheiden sollten.

Als die Stadträte hereinkamen, geschah etwas Merkwürdiges: In dem Moment, als sie das Modell betrachteten, schrumpften sie, so dass ihre Größe genau zu dem Modell passte. Staunend standen sie darin, bis eine temperamentvolle mittelblonde Dame auf einmal die Rampe hinauflief zu einem der Türme und mit lautem Freudengeschrei von dort eine riesige Bahn hinunterrutschte.

Die anderen Stadträte wurden davon angesteckt und begannen nach und nach zu schaukeln, zu klettern, zu rutschen, sich in den Ritterrüstungen zu verstecken, mit Bällen eine Figur zu treffen, an Seilen hochzusteigen und über Kettenbrücken zu laufen. Gejohle und Lachen war zu hören und man konnte sogar beobachten, wie Stadträte verfeindeter Parteien friedlich im Sand mit ihren Förmchen spielten. Auch der Oberbürgermeister schwang wagemutig hoch auf einer riesigen Schiffschaukel hin und her.

Plötzlich sah er auf die Uhr und erschrak. Die Stadtratssitzung sollte schon längst eröffnet sein. Da stieg er mit geröteten Wangen aus der Schaukel aus und sagte etwas atemlos mit seiner lauten, tiefen Stimme: "So, Leute, wir müssen mal anfangen." Und wie durch ein Wunder wurden alle seine Stadträte wieder groß. Noch etwas verschwitzt traten sie mit bedachtem Schritt in die Stadthalle ein und setzten sich auf die für sie vorgesehenen Plätze.

Als die Abstimmung über den Spielplatz an die Reihe kam, hoben alle die Hände und der Spielplatz wurde genauso genehmigt, wie das Modell es zeigte. Er sollte sogar am besten Platz in der Stadt gebaut werden. Und man überlegte sich außerdem, einen Spielweg zur Burg hinauf zu bauen, damit sich Burg und Stadt nach langer langer Zeit wieder verbänden.

Franziska Schumm

Kulmbach