"Urlaub in Herzogenaurach!" So hätte man die Stadtführung des Heimatvereins am vergangenen Sonntag überschreiben können, als zahlreiche Einheimische, Landkreisbewohner und auswärtige Gäste sich wie im Urlaub in südlichen Gefilden fühlen durften: perfektes Urlaubswetter und unterschiedliche Sprachen und Dialekte. Sie alle konnten eine "zweisprachige Stadtführung" des Heimatvereins genießen. Zweisprachig deswegen, weil sie die Stadt auf Fränkisch und "in hochdeutscher Amtssprache" präsentiert bekamen.

Informativ und unterhaltsam führte der langjährige Vorsitzende Klaus-Peter Gäbelein, Historiker und Germanist, Einheimische, Franken aus verschiedenen Regionen, Urlauber aus dem Norden und Besucher aus dem Süden durch das über 1000 Jahre alte Städtchen.

Man erfuhr von Handwerkern, vor allem von Tuchmachern und Webern, die einst ihre Stoffe bis nach Nürnberg zum Markt getragen haben: meist mittels eines "Reefs", eines tragbaren Gestells am Rücken.

Und ganz nebenbei erfuhren die Besucher auch, dass ein "altes Reef" gleichzeitig auch der abfällige Begriff für ein "älteres weibliches Gestell" sein konnte, sprich eine negative Bezeichnung, beispielsweise für die Nachbarin, die man nicht unbedingt ins Herz geschlossen hat.

Und wenn früher die Stoffe blau gefärbt worden sind, dann geschah das hauptsächlich von den Blaufärbern am Montag, folglich war das dann der "blaue Montag", der im Laufe der Jahre schlicht und einfach und ganz allgemein so genannt wurde, wenn jemand keine Lust zur Arbeit hatte und "blau" machte. Dass man die Stoffe in einer übelriechenden Brühe aus Urin und der Pflanze Weid färbte, ist heute nur noch wenigen bekannt.

Der Herzogenauracher "Rahmberg", das Viertel zwischen der Bamberger Straße und dem WiWa-Weiher, hat seinen Namen nicht etwa von der "rahmigen Brühe", die sich nach starkem Regen von hier in die Stadt ergoss, sondern von den Tuchmachern und Wäscherinnen, welche die Stoffe zum Trocknen und Bleichen eben in der Nähe "des Webbach-Weihers" aufspannten (ein "Wieber ist eine "Verballhornung", also eine undeutliche Aussprache des Wortes "Weber").

Ölgötzen und Nachtwächter

Wenn man heute noch davon spricht, "dass jemand schaut wie ein Ölgötze", dann erinnert diese Redensart an die einstmals spärliche Beleuchtung in den kleinen Häusern und Hütten, in denen eine einfache Lichtquelle, meist ein Kienspan, ein Talglicht oder eine Ölfunzel, spärliches Licht spendete. Und damit man nicht direkt in das Licht schauen musste, hat man oftmals eine Art Lampenschirm davor gestellt, der bisweilen ähnlich einer Maske ausgeschnitten war: Und fertig war der "Ölgötz".

Und des Abends konnte man im Städtchen um 22 Uhr, also "um zehna nachts" den Nachtwächter hören, wie er mit Hellebarde (dem Halmbeil=Spieß) bewaffnet, mit Laterne und Horn durchs Städtchen lief und die Herzogenauracher aufforderte: "Löscht das Feuer und das Licht, dass unsrer Stadt kein Leids geschicht ( Kein Schaden geschieht)!" Sicherheit im Städtchen wurde groß geschrieben.

Männer und Frauen konnten über viele Jahrhunderte eine der beiden Badestuben zum Teil unentgeltlich nutzen. Entweder in der "Oberen Badestube" am Türmers-Turm oder in der unteren in der Badgasse (heute VHS-Geschäftsstelle) konnte man warmes Wasser in einer hölzernen oder steinernen Wanne genießen. Es ist übrigens ein Gerücht, dass man früher sagte "mir booden si (ch) alla värzehr (vierzehn) Dooch (Tage), ob mers braugn oder nedd!" Übersetzung nötig? Und schließlich war der Bader oftmals auch wichtig für kleinere chirurgische Eingriffe: Wenn jemand laut schrie (vor Schmerzen!?), dann "bläägd (schreit) der in Franken wie a Zaahbrecher", also wie einer, dem man einen Zahn ausgebrochen hat. Und bis in die Nachkriegszeit waren die Bader im Fränkischen auch die "Ei(n)renker", heute nennt man diese Berufsgruppe "vornehm" die "Physiotherapeuten".

Dass man von der Engelgasse direkt in die Edergasse kommt, die dann nach Norden führt, war für viele Besucher neu, dass die Edergasse jedoch nichts mit dem Meister Eder aus der gleichnamigen Kinderserie vom "Pumuckl und dem Meister Eder" zu tun hat, war fast allen klar; dass die Gasse den Namen von einem Wohltäter der Stadt erhalten hat, wussten die wenigsten.

Was es mit der "Kinderbewahranstalt" am unteren Rahmberg auf sich hat, darüber gab es zahlreiche Spekulationen. Die Lösung ist ganz einfach: Stadtpfarrer Franz Rathgeber hat hier den ersten "Kindergarten" initiiert - ein Paradies für die Kinder vor über 100 Jahren.

Adi Dassler, der Bäckerlehrling

Von der äußeren Stadtmauer aus, vorbei am letzten Weberhäuschen, gab es noch Informationen über Herzogenaurachs unvergesslichen Kabarettisten und den privilegierten "Bürgermeister vom Rahmberg", Sepp Bitter, und zuletzt einen Einblick in die ehemalige Bäckerei Weiss, in der einst 1914 ein 14-jähriger Jüngling namens Adolf Dassler das Bäckerhandwerk erlernt hat, dann später aus Freude am Sport einen Steinwurf von dort entfernt in der Waschküche seiner Mutter die ersten Sportschuhe entwickelt und in Handarbeit hergestellt hat, "weil doch jeder Sportler für seine Sportart seine eigens entwickelten Schuhe benötigt". Der junge Adolf Dassler, von seinen Freunden "Adi" genannt, ist schließlich der Begründer der bekanntesten Herzogenauracher Schlappen geworden: Adidas.

Die amüsante Führung soll nicht die letzte dieser Art gewesen sein, so der der Wunsch der begeisterten Teilnehmer. Weitere "zweisprachige Führungen" werden also folgen. pe