WOLFGANG SCHOBERTH

Jawoll, mein Betrachter, dich hat er im Visier! Er hat dich entdeckt und wegen dir sein Strickzeug heruntergenommen! Doch gemach, gemach, allzu große Angst braucht man vor dem Kanonier nicht haben. Trotz seines stechenden Blicks. Der Mann ist schon vor Jahren an den gottverlassenen Ort abkommandiert - und dann vergessen worden. Gras und Büsche haben sich das Mauerwerk erobert, die Festung bröckelt schon bedenklich: Und die Spatzen haben sich das Kanonenrohr als Nistplatz eingerichtet.

Wie ein Ausrufezeichen aus längst vergangener Zeit ragt sein Gewehr mit aufgepflanztem Bajonett in den Himmel. Seine Uniform ist veraltet, taugt bestenfalls noch fürs Armeemuseum. Doch treulich erfüllt er seine patriotische Pflicht.

Bloße Folklore

Das Carl Spitzweg nachgestaltete Klein-Diorama ist ein Spaß auf das biedermeierliche Militärwesen. Auf die Schippe genommen wird der Bürgersoldat in seiner glühenden Begeisterung fürs Militär. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts bei der Befreiung des Vaterlandes von Napoleon noch nützlich und verdienstvoll, schwindet danach seine Bedeutung. Von der militärischen Führung wegen der fehlenden Ausbildung und Kampferfahrung nicht ernst genommen, wird er überwiegend für Wach- und Garnisonsdienste herangezogen.

Spitzweg selbst war für kurze Zeit selbst Bürgersoldat: Während der revolutionären Vorgänge im März 1848 in München schloss er sich als Musketier dem Künstler-Freikorps an, um die alte Ordnung zu stürzen. Doch schon wenige Monate später hatte er das Exerzieren satt. Für die satirische Wochenzeitschrift "Fliegende Blätter" zeichnet er mehrere Karikaturen, die die bürgerliche Begeisterung fürs Soldat-Spielen und aufs Korn nehmen. Auch das Gemälde "Strickender Vorposten" entsteht in dieser Zeit, heute ein Highlight des Museums Georg Schäfer in Schweinfurt. Einen Wachposten zu zeigen, der Spiralsocken auf der Nadel hat, ist frech.

Von wegen Frauensache

Es ist kein Vergleich mit den verwundeten Soldaten im Ersten oder Zweiten Weltkrieg, die im Lazarett für ihre Kameraden an der Front Handschuhe oder wärmende Masken gestrickt haben. Zur Zeit von Spitzweg ist Handarbeit die große Passion der Frauen. Wann immer Zeit und Gelegenheit ist, flitzen ihre Fingerchen, um Babyhauben, Tischdeckchen, Taschentuchumrandungen, Spitzenkrägelchen, Strümpfe, Puls- und Kniewärmer zu fertigen.

Doch Spitzweg will den braven Wachposten nicht nur verkaspern, indem er ihn in die Ecke der "Strickstümpfe" stellt, sondern er ist auch deutlich politisch: das friedliche Stricken wird der Brutalität des Kriegs gegenübergestellt.

Der hippe Mann von heute, der die androgyne Angleichung verinnerlicht und seine Gender-Lektion gelernt hat, ist natürlich ein Liebhaber von Nadel und Faden. Sollte er Probleme haben, findet er Hilfe in einem reichhaltigen Bücherangebot ("Männermaschen klassisch oder cool)". Vielen Männern heute bleibt auch nichts anderes übrig, als selbst Hand anzulegen - die moderne Frau hat die alte Kunst schlicht verlernt.