Mit Abstimmungen in kleinen Orten im Bundesstaat New Hampshire hat der Wahltag in den USA begonnen. Der demokratische Herausforderer Joe Biden gewann in Dixville Notch mit 5 zu 0 Stimmen gegen Präsident Donald Trump. Im Nachbarort Millsfield setzte sich der Republikaner dagegen mit 16 zu 5 Stimmen gegen Biden durch.

Die Auszählung wurde live im Fernsehen gezeigt. Bei ihren letzten Wahlkampfauftritten griffen sich Trump und Biden mit scharfen Worten an und sprachen von einer Schicksalswahl. Vor Öffnung der Wahllokale am Dienstag hatten schon fast 100 Millionen US-Bürger abgestimmt, von rund 240 Millionen Wahlberechtigten.

Dass in New Hampshire so früh abgestimmt werden durfte, ist einem Gesetz zu verdanken, das Gemeinden mit weniger als 100 Einwohnern erlaubt, schon um Mitternacht ihr Wahllokal zu öffnen. Damit sollte Eisenbahnarbeitern die Möglichkeit gegeben werden, wählen zu gehen, sich aufs Ohr zu legen und dann zur Arbeit anzutreten. Längst nicht immer spiegelten die Resultate aus den kleinen Orten aber wider, wer dann am Ende Präsident wurde.

Die USA erstrecken sich über mehrere Zeitzonen. Die letzten Wahllokale in Alaska sind bis 6 Uhr MEZ am Mittwoch geöffnet, auf den Aleuten noch eine Stunde länger, bis 7 Uhr MEZ. Wegen der vielen Briefwahlstimmen und einer damit verbundenen längeren Auszählung war unklar, ob es noch in der Wahlnacht einen Sieger geben wird.

Trump (74) bezeichnete Biden am letzten Tag des Wahlkampfes als "korrupten Politiker", der die Wirtschaft in eine "tiefe Depression" stürzen würde. Biden (77) warf Trump seinerseits vor, bei der Eindämmung der Corona-Pandemie völlig versagt zu haben. Trump spalte die Nation und "spielt Amerikaner gegeneinander aus", sagte Biden. Trump sei der "korrupteste" und "rassistischste" US-Präsident der Geschichte, so Biden.

Heftige Angriffe

Trump hielt Biden vor, die USA mit neuen Corona-Auflagen in einen "Gefängnisstaat" verwandeln zu wollen. "Eine Stimme für Biden ist eine Stimme für Lockdowns, Entlassungen und Elend", sagte der Präsident. Biden hat keine neuen Lockdowns angekündigt, sondern versprochen, im Falle seines Wahlsieges bei der Bekämpfung der Pandemie auf Wissenschaftler zu hören.

Seinen letzten Wahlkampfauftritt hatte Trump in Grand Rapids (Michigan). "Das Beste steht noch bevor", sagte er vor seinen Anhängern. Er behauptete dort erneut, die USA seien dabei, in der Pandemie "die Kurve zu kriegen".

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen ist aber zuletzt wieder deutlich angestiegen, im Schnitt auf rund 80 000 pro Tag. Nach Daten der Universität Johns Hopkins gibt es in den USA, einem Land mit rund 330 Millionen Einwohnern, bislang rund 9,3 Millionen bestätigte Infektionen.

Mehr als 231 000 Menschen sind nach einer Ansteckung gestorben - mehr als in jedem anderen Land der Welt.

Die US-Bürger waren aufgerufen, am Dienstag den Präsidenten, die 435 Abgeordneten des Repräsentantenhauses sowie rund ein Drittel der 100 Mandate im Senat neu zu bestimmen. Zudem gab es in vielen Bundesstaaten auch örtliche Abstimmungen. Der US-Präsident wird nicht direkt gewählt. Der Wahlsieger in einem Bundesstaat gewinnt dort die Stimmen der Wahlleute. Diese wählen dann im Dezember den Präsidenten. Um die Wahl zu gewinnen, braucht ein Kandidat mindestens 270 Stimmen. Trump bewirbt sich um eine zweite und verfassungsgemäß letzte Amtszeit, der frühere Vizepräsident Biden will ihn ablösen.

Schon vor dem Wahltag hatten knapp 99,7 Millionen Bürger per Brief oder in vorab geöffneten Wahllokalen abgestimmt, wie aus Daten des "U.S. Elections Project" hervorging. Das entsprach rund 70 Prozent der im Jahr 2016 bei der Präsidentenwahl abgegebenen Stimmen.

In den letzten Tagen des Wahlkampfs konzentrierten sich beide Kandidaten auf "Swing States" wie Pennsylvania, Michigan und Florida, bei denen nicht feststeht, ob der Kandidat der Republikaner oder der Demokraten siegen wird.

Viele Briefwähler

Trump liegt in Umfragen sowohl landesweit als auch in mehreren "Swing States" hinter Biden. Seine Wiederwahl ist dennoch nicht ausgeschlossen. Aufgrund des Wahlsystems kann auch der Kandidat mit den meisten Stimmen aus der Bevölkerung unterliegen, wenn er nicht genug Wahlleute hinter sich vereint. Trump hat vor der Wahl nicht zugesagt, ob er das Resultat akzeptieren wird.