Wolfgang Schoberth

Im Teil drei der neuen BR-Serie, in der alle 14 Tage "Gaumentratzer" (Appetitanreger) der städtischen Museen auf der Plassenburg vorgestellt werden, geht es um den Albtraum jedes Kutschers: Er verliert die Kontrolle über seine Pferde. Sie brechen aus, donnern mit der Karosse in blinder Panik dahin und reißen die Insassen ins Unglück.

Dame in der Kutsche bleibt cool

Genau dies droht auf unserem Bild Wirklichkeit zu werden. Die Pferde sind davor, den Uferzaun zu durchbrechen und mit dem Gespann in den See zu stürzen. Panischer Schrecken bricht aus. Zwei Buben springen den wilden Rossen aus dem Weg. Ein Gardist fuchtelt hilflos, ein anderer versucht, zu Hilfe zu kommen. Zwei Frauen rechts wenden sich entsetzt ab, die eine schluchzt in ihr Tuch, die andere schickt ein Stoßgebet zum Himmel. Einzig die Dame in der Kutsche bleibt cool: Blitzschnell streift sie einen ihrer hohen Schuhe ab und hechtet in ihrem Brokatkleid und dem hochgesteckten Blumenhut aus dem Höllengefährt.

Wie man in den Hofberichten lesen kann, gelingt ihr eine tolle Stunt-Nummer. Denn sie federt den Aufprall so geschickt ab, dass sie mit ein paar Blessuren davonkommt.

Das liebevoll durchgestylte Diorama stammt von dem bekannten Zinnfiguren-Gestalter Bernhard Kempin. Er greift eine Episode vom preußischen Königshof zur Zeit Friedrichs des Großen auf: Im März 1773 widerfährt der Hofdame Wilhelmine von Knesebeck das Unglück bei einer Ausfahrt an die Spree. Ihr couragierter Sprung ist tagelang Thema am Hof und wird Stadtgespräch in Berlin. Der Hofmaler Adolf von Menzel hält die Szene später in einem Stahlstich fest. Vor allem aber ist es König Friedrich II. von Preußen selbst, der der Hofdame seiner Mutter ein Denkmal setzt. Er verfasst auf Französisch einen zweiseitigen Lobpreis auf das Fräulein, das die Männer alt aussehen lässt. Gewürzt sind die Verse, wie immer beim Alten Fritz, mit viel Witz und Ironie, auch Selbstironie. Der Schluss lautet: "So kann ich's mir nicht versagen/Die Wahrheit in die Welt zu tragen/Dass Preußens Frauen Lob und Ruhm/Und oft in höherem Maß, verdienen/Als manchen zuschrieb das sehr geschwätzige Altertum/Und so behaupt' ich keck/Dass Pentesilea nicht vergleichbar ist/ Unserer edlen, tapferen Knesebeck."

In der nächsten Folge der Serie "Gaumentratzer" der städtischen Museen auf der Plassenburg geht es um einen frommen Mönch, der schwer betört wird.