Er sucht, Sie flieht und die Zuschauer folgen ihnen. So lässt sich die Premiere des Stücks "Theater im Grünen" ganz grob zusammenfassen. Wohin die Reise geht, wissen die Zuschauer zu Beginn des Abends so wenig wie die Figuren, erwarten es aber gespannt.

An vier Stationen im Stiftsgarten stellen sie ihre Stühle auf und beobachten, wie sich die Figuren Er (Pascal Averibou), Sie (Alexandra Kaganowska) und Musidokin (Eugeniya Ershova) begegnen, beschnuppern, befragen, zum Brotbelag oder dem Sinn des Lebens. Zwischen trivial und existenziell liegt manchmal nur ein Wort.

Baby, zum Beispiel. Was ist mit dem Baby passiert, das Sie hatte? Warum berührt Ihn diese Frage so sehr? Es wäre jetzt etwa in deinem Alter, sagt Sie. Welche Möglichkeit das eröffnet, bleibt unausgesprochen. Als das Wildwesen Musidokin auftaucht, beginnen auch die bisher eindeutigen Geschlechterbezeichnungen zu bröckeln. Mit ihnen verschwimmen Identitätsentwürfe und Vorstellungen von Vater, Mutter, Kind - Ödipus lässt grüßen.

Dass das Stück in den 80er Jahren entstand, überrascht nicht. Die französische Originalfassung von Coline Serreau stammt aus einer Zeit, in der geschlechtliche Identität und Emanzipation gesellschaftlich und politisch verhandelt wurden - Themen, die auch aktuell große Relevanz haben.

Therese Frosch hat die Fassung für das Wildwuchs- Theater neu bearbeitet, aktualisiert und vor einer einzigartigen Freiluftkulisse in Szene gesetzt. Die Idylle der Umgebung bildet einen reizvollen Bruch zu dem persönlichen Aufruhr, den die Figuren bisweilen in sich wahrnehmen.

Zur Inszenierung voller Bewegung passt das Auf und Ab der Weinberge. Auch Kostüm- und Bühnenbild von Kristina Greif und Sebastian Stahl bilden Bewegtheit und das nomadische Dasein der Figuren ab: In Zelte gekleidet sind diese unterwegs, stets bereit, sich kurz niederzulassen, ihre Schnüre zu spannen und flexibel den Gegebenheiten anzupassen. Ein festes Fundament haben sie nicht.

Ständiger Wandel

Die Darsteller passen sich genüsslich und mühelos dem ständigen Wandel an. Dialoge gestalten sie als ein Wechselspiel von Tragik und viel Komik, was die Zuschauer häufig amüsiert quittieren. Die Mimik im Schweigen ist manchmal sogar noch schöner, besonders als Sie und Musidokin das erste Mal fasziniert aufeinandertreffen. Begleitet werden die Szenen immer wieder von sanften Saxofontönen (Benoit Dupé), die den Zuschauern zwischen den Stationen sogar als klangvoller Wegweiser dienen.

Insgesamt wird mit der Inszenierung ein wunderbar absurdes Theater geboten. Eines der einprägsamsten Bilder besteht in dem Moment, als die Figuren daran scheitern, eine Mauer zu überwinden. Sie wollten in den angrenzenden Garten gelangen, in dem man wohnen kann - obwohl sie mitten in einem Garten stehen und ihre Zelte rastlos und immer zum Aufbruch bereit dicht auf der Haut tragen. Es drängt sich die Vermutung auf: Vielleicht suchen sie ja nur, um irgendetwas zu tun. Es ist in jedem Fall spannend, ihnen dabei zuzusehen.

Man könnte das Stück übrigens auch kürzer kommentieren, mit den Worten, die Sie nach einer angenehmen Zweisamkeit in den Weinbergen wählt: "Es war sehr gut."