Die Protagonisten seines Romans "Train Kids" sind fiktiv, ihre Geschichte aber nicht. Ein Bericht im Magazin Geo über die Kinder und Jugendlichen, die als blinde Passagiere mit dem Güterzug quer durch Mexiko in die USA gelangen wollen, hat den Jugendbuchautor Dirk Reinhardt dazu inspiriert. Er begnügt sich bei seiner Lesung im Meranier- Gymnasium nicht nur mit dem Vortragen einiger Textpassagen. Vielmehr klärt er über die Lebensumstände der Jugendlichen auf, die nur eines wollen: zu ihren Müttern, seltener Vätern und Geschwistern in die USA zu gelangen.
Dirk Reinhardt hat wochenlang vor Ort recherchiert, mit den Jugendlichen über ihre Beweggründe und Erfahrungen, über Schleuser, die gemeinsame Sache mit den Polizisten machen, und über Verstecke, Güterzüge, Strecken und Kontrollen gesprochen. Die meisten kommen aus extrem armen Ländern wie Honduras, Guatemala oder El Salvador. "Ihre Mütter gehen schweren Herzens in die USA, um als Haus- oder Kindermädchen oder in der Fabrik zu arbeiten", berichtet Reinhardt. Die meisten dieser Mütter gingen in den festen Glauben, dass sie dort genügend Geld verdienen können, um nach zwei bis drei Jahren wieder zu ihren Familien zurückzukehren. Doch die Realität sehe anders aus.


3000 Kilometer lange Strecke

Viele Kinder litten unter der Trennung. Sobald sie 14 oder 15 Jahre alt sind, machten sie sich auf den Weg um zu ihren Müttern zu gelangen. Um ans Ziel ihrer Hoffnungen zu gelangen, müssten die Jugendlichen Mexiko durchqueren. Schätzungen gehen davon aus, dass jährlich zwischen 50 000 und 100 000 "Train-Kids" unterwegs sind. Auf der rund 3000 Kilometer langen Strecke müssten sie Wüsten und Gebirge überwinden, Hitze und Kälte ertragen und sich vor Banditen und Polizei-Razzien in Acht nehmen. Von der Polizei sei nicht viel zu erwarten. "Im Gegenteil, oft werden sie von der Polizei ausgeraubt und verprügelt", berichtet Reinhardt. Obwohl sich so viele auf dem Weg machen, erreichen nur die wenigsten die USA. Viele dieser "Train-Kids" werden aufgegriffen und wieder zurück in ihre Heimatländer geschickt. Manche sind zum zehnten oder zwölften Mal unterwegs. "Und es ist nicht ungefährlich, auf den Zug aufzuspringen und sich an den Waggons festzuhalten", sagt Reinhardt.
Einer der Protagonistes des Jugendromans "Train Kids" ist der 15-jährige Fernando, der nicht zum ersten Mal unterwegs ist. Neben der Hauptfigur, dem 14-jährigen Miguel aus Guatemala, gehört der fünfköpfigen Gruppe noch Jaz (ein Mädchen, das sich als Junge verkleidet), der Indiojunge Emilio und der zwölfjährige Ángel an. Gemeinsam haben sie dasselbe Ziel, mit einem Güterzug in die USA zu gelangen. Mit vereinten Kräften schaffen es alle fünf auf das Dach eines Güterzuges. Schließlich werden sie von zwei Polizisten erwischt, die ihnen ihr mühsam erspartes Geld abnehmen.
Am Ende der Lesung bleibt noch Raum für Fragen. Für rund die Hälfte der im Roman enthaltenen Fotografien zeichnet er sich als Autor selbst verantwortlich. Es sind Bilder, die auf eindringliche Weise das Schicksal der Kinder zeigen. Getroffen hat der Jugendbuchautor die Kids in der Flüchtlingsherberge eines Paters. Dort können die Jugendlichen drei Tage bleiben, dann kommen schon die nächsten. Mit einigen von ihnen hat sich Reinhardt angefreundet. "Als wir uns trennten, wussten wir, dass wir uns nie wiedersehen würden", erzählt Reinhardt.