Wolfgang Schoberth Nach vier Jahrzehnten schließen Hanns-Werner Hey und seine Frau Karla ihre Zahnarztpraxis in München. Endlich Aufwachen ohne Wecker, ausgedehntes Frühstück mit Zeitung, Joggen im Wald - die absolute Freiheit. Doch nach vier Monaten gewinnt der Wunsch die Oberhand, noch weiter aktiv sein zu wollen und etwas zu bewirken.

Als 2005 in Ladakh, der nördlichsten Provinz Indiens, Ärzte für eine neue zahnärztliche Behandlungsstation gesucht werden, setzt sich das Ehepaar ins Flugzeug nach Delhi. Aus dem ursprünglich vorgesehenen kürzeren Hilfsdienst sollten 15 Jahre werden ...

"Vom Wälzen schwerere Steine" heißt der vierte und letzte Teil der Autobiografie von Hanns-Werner Hey, die mit der Flucht der Familie von Schlesien nach Kulmbach 1945 begonnen hat. Hey ist ein hervorragender Beobachter. Er schreibt farbig, genau, lässt den Leser an seinem warmen Interesse für die Menschen teilnehmen.

Improvisieren angesagt

Für seinen ersten Einsatz landet das Ehepaar Hey in Ladakhs Hauptstadt Leh, in 3600 Metern Höhe im Himalaya gelegen. Rasch sehen die beiden, dass die neue Zahnklinik vor riesigen Herausforderungen steht. Die hygienischen Verhältnisse sind bedenklich. Zudem sind viele der für die Behandlung der Patienten dringend benötigten Apparaturen defekt. Schnell wird Hey bewusst, dass er sich die in Deutschland üblichen Standards schenken kann. Er muss improvisieren und versuchen, die Geräte selbst zu reparieren.

Außerhalb der Klinik-Mauern erleben Hey und seine Frau ein karges, menschenleeres Land mit farbigen Gebirgsformationen, Geröllwüsten, Märchenschluchten und Seen. Der Autor beschreibt, wie sie allmählich den ganz anderen inneren Rhythmus des Landes erfahren und auch den Buddhismus zu begreifen beginnen. In Leh und bei ihren abenteuerlichen Fahrten im Jeep in die Bergregion erleben sie Menschen beim Meditieren. Als Hey wieder Mönche an ihren Gebetstrommeln beobachtet, die mit kaum sichtbaren Lippenbewegungen Gebete murmeln, notiert er: "Jede Umdrehung der Mühle, die mehrere Mantras enthält, wie man uns erzählt, soll nicht nur den Weg zu dem eigenen guten Karma bereiten, sondern auch das Glück und den inneren Frieden der anderen Menschen befördern".

Große Not

Ein Jahr später, 2006, stehen die Heys vor einer anderen grandiosen Hochgebirgslandschaft: in Kirgistan. Doch die raue landschaftliche Schönheit des Landes an der Seidenstraße steht im herben Gegensatz zur Not vieler Menschen und dürftigen medizinischen Versorgung in der früheren Sowjetrepublik. Sie sind entsetzt über das Elend der Straßenkinder und vieler obdachloser Frauen in der Hauptstadt Bischkek. Diese sind das Resultat der illegalen, doch verbreiteten und kaum strafverfolgten Polygamie. Oft als Mädchen zwangsverheiratet, werden sie ausgenutzt und später nach Gutdünken verstoßen.

Doch auch die Zahnkliniken des Landes sind in einem miserablen Zustand. Ihre Ausrüstung ist hoffnungslos veraltet. Als Hey zum Beispiel einem Oberarzt beim Schleifen einer Zahnprothese zusieht, fühlt er sich in die Zahnarztpraxis seines Vaters in den Nachkriegsjahren in Kulmbach erinnert: Die Bohrmaschine wird von einem Transmissionsriemen über die Gelenke mehrerer beweglicher Metallarme angetrieben - der Horror vieler Patienten bis in sie 1960er Jahre, wie Hey anmerkt.

In den Jahren 2006 bis 2013 organisiert das Ehepaar im Auftrag der Bayerischen Ostgesellschaft zehn umfangreiche Hilfssendungen. Durch sie können zahlreiche Krankenhäuser mit medizinischen Diagnostik-Geräten, Verbrauchsmaterial, Klinikbetten und Rollstühlen versorgt werden. Durch weitere Spenden kann den Ärmsten des Landes mit einer 20 Euro-Minirente geholfen werden. Hey spart die enormen Probleme bei den Hilfseinsätzen nicht aus: Korruption, Behördenwillkür, fehlende Unterstützung durch die Regierung. Schwere Steine sind zu wälzen. Doch, so schreibt Hey am Schluss, sie verlieren ihr Gewicht durch das Glück, Menschen zu treffen, die vor Problemen nicht kapitulieren und scheinbar unüberwindliche Hindernisse überwinden.