WOLFGANG SCHOBERTH

Schnell mal gegoogelt: "Spitzweg Bücherwurm." 26 800 Ergebnisse in 0,43 Sekunden. Seliges Internet, es lebe die Schöne Neue Welt: global vernetzte Datenbänke, digitale Medien, Online-Bibliotheken, E-Books, Hörbücher.

Braucht der Mensch von heute überhaupt noch gedruckte Bücher? Vor Bücherregalen posiert schon lange keiner mehr für sein Facebook-Profil. Früher konnte man damit noch seine Bildung und Belesenheit zur Schau stellen.

Fossil aus grauer Vorzeit

Das kleine Zinnfiguren-Diorama zeigt ein Fossil aus grauer Vorzeit: einen Analog-Menschen. Besonders sexy schaut er ja nicht aus: ein alter, weißhaariger Bibliothekar mit hängenden Schultern, altmodischen Kniebundhosen, aus denen sein Schnupftuch weit heraushängt.

Er ist seine Stehleiter ganz hinaufgestiegen, um in schwindelnder Höhe ein Schriftstück aus dem Bord zu nehmen. Kurzsichtig wie er ist, hält er es sich dicht vor die Nase.

Seine Suche muss schon länger gedauert haben, denn in der Rechten hat er ein aufgeschlagenes Buch, zusätzlich hat er sich zwei Folianten unter den Arm und zwischen die Knie geklemmt. Wenn man weiß, wie schwer solche Wälzer sind, muss einem Angst und Bange um den Herrn im Rentenalter werden. Er scheint der Welt entrückt, schwebt buchstäblich zwischen der Sphäre der "Metaphysik", so die goldene Schrift auf der Kartusche über seinem Kopf, und dem Sternenglobus zu seinen Füßen.

Ein Spitzweg-Meisterwerk

Vermutlich hat er seinen Dienst lebenslang pflichtbewusst versorgt, treulich die Bestände gepflegt, die Registraturen geordnet und die Bücherrücken penibel beschriftet.

Ob er, eingesperrt in seinen Büchertempel, lebenstauglich ist? Sich den Blick bewahrt hat für das "Grün des Lebens goldnem Baum", wie Mephisto in der Schülerszene von Goethes "Faust" über verknöcherte Stubengelehrte spottet?

Der "Bücherwurm" (um 1850), dessen Original im Museum Georg Schäfer Schweinfurt hängt, ist eines der populärsten Bilder Carl Spitzwegs. Gewiss liegt es an dem rührenden, liebenswert verstiegenen Bibliothekar.

Doch wohl auch an der prachtvollen Bibliothek, von der selbst der schmale Bildausschnitt Ahnung gibt: eine erlesene, ehrwürdige Welt, in der die Bildungsschätze von Jahrhunderten ihren Platz gefunden haben. Man mag dort gefunden haben, was in unserer hektischen Online-Welt fehlt: Zeit des konzentrierten Arbeitens und der Vertiefung.