Unternehmenschefs mögen normalerweise keine Überraschungen. "2020 hat uns überrascht", sagt Klaus-Jürgen Heitmann, Sprecher der Vorstände der HUK-Coburg. Und zwar positiv: Denn das Corona-Jahr bescherte dem Coburger Versicherungsunternehmen erneut ein Wachstum über dem Branchendurchschnitt.

Trotzdem ist der Jahresüberschuss nach Steuern mit 393 Millionen Euro niedriger als im Nicht-Coronajahr 2019, als noch 453 Millionen Euro Gewinn verbucht wurden. Der Grund: Über 200 Millionen Euro schüttete die HUK-Coburg 2020 an Versicherte und Mitglieder aus. Allein die Kfz-Versicherten erhielten 185 Millionen Euro zurück. Wer meint, dass Beitragsrückerstattungen doch üblich seien, irrt: Das war einmal. Seit vor 30 Jahren die Regulierung der Kfz-Haftpflichtversicherung aufgehoben wurde, habe es das bei der HUK-Coburg nicht mehr gegeben, sagt Vorstand Jörg Rheinländer.

Das Kfz-Versicherungsgeschäft ist nach wie vor der wichtigste Zweig im HUK-Konzern: Hier werden über die Hälfte aller Beitragseinnahmen erzielt. Obwohl im Corona-Jahr 2020 eigentlich damit zu rechnen war, dass es weniger Autoverkäufe und damit weniger Neuverträge geben würde, hat die HUK gerade in diesem Bereich stark zugelegt: 13 Millionen Kraftfahrzeuge sind nun in Coburg versichert. Ende des Vorjahres waren es noch 12,4 Millionen. Dreimal stärker als der Markt sei die HUK-Coburg hier gewachsen, betonte Heitmann.

Der Sprecher der HUK-Vorstände geht indes nicht davon aus, dass die Aussicht auf eine mögliche Beitrags- oder Prämienrückerstattung bei den Neuverträgen eine Rolle spielte. Die HUK-Coburg hatte eine Beitragsrückerstattung zwar bei der Bilanzpressekonferenz 2020 in Aussicht gestellt. Damals war das öffentliche Leben stark heruntergefahren, Beschäftigte waren vielfach in Kurzarbeit oder im Homeoffice, und es war absehbar, dass es zumindest vorübergehend weniger Fahrten und weniger Schäden geben würde. Doch keiner habe vor einem Jahr wissen können, wie sehr sich Corona aufs Geschäft auswirken werde, sagte Heitmann.

Inzwischen liegen die Zahlen vor: 300 Millionen Euro konnte die HUK-Coburg ihrer Schwankungsreserve hinzufügen, aus der sie 2019 noch 46 Millionen Euro hatte entnehmen müssen. 150 Millionen Euro werden allein an die Kfz-Versicherungskunden zurückgezahlt, weil weniger Schäden reguliert werden mussten. Hinzu kommen 40 Millionen Euro für die rund 500 000 Kfz-Versicherungskunden, bei denen gefahrene Kilometer auf die Versicherungsprämie durchschlagen. Wer hier melden konnte, dass er weniger gefahren ist, erhält Geld zurück.

Weniger Pendler, weniger Schäden

Dass wegen Corona weniger gefahren wurde, kann die HUK-Coburg anhand ihrer Zahlen belegen. Vor allem die Kunden des Telematik-Tarifes liefern Daten, wie oft und wann die Versicherten unterwegs sind. Doch diese Daten bleiben Geschäftsgeheimnis - "wir wollen unsere Wettbewerber nicht mit zu genauen Zahlen versorgen", sagt Heitmann. Denn die Zahlen sollen auch Grundlagen liefern dafür, wenn die Versicherungen vielleicht weniger Autos in Privatbesitz versichern, sondern Miet- oder Abo-Modelle das Geschäft bestimmen.

Anfang April 2020 waren an den Wochenenden bis zu 58 Prozent weniger Autos unterwegs als im Vergleichszeitraum ein Jahr zuvor. Die werktäglichen Fahrten gingen zu diesem Zeitpunkt ebenfalls deutlich zurück, aber nur um etwa 40 Prozent - ein Zeichen dafür, dass weniger Menschen zur Arbeit fuhren. Im Sommer 2020, als die Corona-Bestimmungen gelockert waren, nahm die Zahl der Autofahrten wieder zu (vor allem an Wochenenden), blieb aber immer noch unter dem Niveau des Jahres 2019. Ab Herbst, als es wieder stärkere Einschränkungen gab, nahm auch die Zahl der Freizeitfahrten an den Wochenenden wieder deutlich ab, und zwar fast so deutlich wie zu Beginn der Pandemie. Und: Sobald weniger gefahren wurde, gab es auch weniger Unfälle.

Weniger Pendlerfahrten - das trifft auch für die HUK-Coburg selbst zu. Innerhalb kurzer Zeit habe man über 90 Prozent der Mitarbeiter im vorigen Frühjahr ins Homeoffice schicken können, sagt Heitmann. Auch jetzt seien 85 Prozent der Beschäftigten nicht in den Büros. Diejenigen, die in den Betrieben arbeiten, hätten die Möglichkeit, sich regelmäßig zu testen, versichert er.

Heitmann vermutet, dass viele Arbeitgeber künftig mehr Homeoffice möglich machen - ebenso wie die HUK-Coburg selbst. "Wir gehen davon aus, dass die Mitarbeiter das auch nach der Krise erwarten", für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. "Aber dazu müssen wir uns sehr viele Gedanken machen." Bei der HUK-Coburg laufe gerade ein Projekt zur künftigen Arbeitsorganisation, bei dem es auch um Fragen gehe wie zum Beispiel, ob sich mehrere Beschäftige einen Büroraum teilen können. "Wir haben schon die Idee, in der Breite von zu Hause aus zu arbeiten. Wir gehen davon aus, dass die Arbeitswelt nach Corona eine andere sein wird."