Zum Erntedankfest:
Womit schadet das reiche Europa den Entwicklungsländern mehr - durch Nahrungsmittel-Exporte oder durch Nahrungsmittel-Importe?
Je nach Themenstellung wird behauptet: Die Bauern der EU machen mit ihren Überschüssen und den Exporten in die Entwicklungsländer jede vernünftige Entwicklung der kleinbäuerlichen Strukturen dort kaputt. Klingt plausibel, vor allem dann, wenn man diese Behauptung verstärkt durch eine weitere Behauptung: Und das geht nur, weil die Lebensmittelexporte aus der EU hoch subventioniert sind.
Aber auch das Gegenteil wird behauptet. Die Europäische Landwirtschaft macht die Natur und Umwelt in Entwicklungsländern kaputt und bedient sich in räuberischer Manier der dortigen Ressourcen, wenn sie die eh knappen Lebensmittel auch noch von dort importiert. Und auch hier wirkt ein weiteres Argument verstärkend. Das Argument des Imports virtuellen Wassers.
Was ist nun faktisch und nicht postfaktisch? Tatsächlich gibt es seit den 90er Jahren keine Exportsubventionierungen für EU-Lebensmittelexporte in Drittländer. Ausnahme: Lebensmittelhilfe in Hungerregionen nach dem Welthungerhilfeprogramm der Vereinten Nationen. Wenn also die berühmt-berüchtigten Geflügelfüßchen aus Europa auf afrikanischen Märkten auftauchen, dann sind sie zumindest nicht mit Steuergeld subventioniert. Und wenn die europäischen Bauern EU-Flächenzahlungen erhalten, dann nicht als Exporthilfe, sondern als Kompensation für kostenträchtiger Bewirtschaftungs-Auflagen.
Im Gegensatz dazu ist am Argument Import virtuellen Wassers durchaus was dran. Um ein Kilogramm Getreide zu erzeugen, brauchen die Pflanzen im günstigsten Fall rund 500 Liter Wasser. Wasser, das auf den sogenannten Gunststandorten Europas nachhaltig vorhanden ist; nicht aber in den Gebieten rund um den Äquator. Dort sind es nach den Zahlen der "Vereinigung deutscher Gewässerschutz" für Somalia 18 000 Liter pro Kilogramm. Drastischer sind auch die Werte bei Fleisch, wobei die Homepage der genannten Vereinigung nur globale Durchschnittswerte ausweist. Für ein Kilogramm Schweinefleisch 5000 Liter und für ein Kilogramm Rindfleisch 15 500 Liter virtuellen Wassers!
Der Vollständigkeit halber sind es aber nicht nur Fleisch und Getreide, sondern auch Schnittblumen, über die virtuelles Wasser nach Europa exportiert wird. In Äthiopien werden alleine von einem indischen Unternehmen 300 000 Hektar genau für diesen Zweck genutzt.
Wenn also in die EU Nahrungsmittel und Bioenergie-Produkte von dort importiert werden, dann mag dies kurzfristig den Bauern dieser Länder helfen, langfristig nicht. Das immer knapper werdende Wasser fließt als virtuelles Wasser nach Europa. Die Produktionsgrundlagen der Entwicklungsländer werden längerfristig zerstört. Die internationale Entwicklungspolitik sollte sich also gut überlegen, ob es wirklich einen Sinn hat, Entwicklungsländern ausgerechnet über den Agrarexport zu helfen.

Hans Vetter ist Behördenleiter des Amts für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Coburg.