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Zeil am Main
KOMMENTAR von Sven Dörr

Vertreibungen sind ein schmerzhafter Bruch im Leben

Die Oma aus Schlesien – wer hat sie nicht? Auch der Verfasser dieser Zeilen hat eine Großmutter, die aus Niederschlesien stammt. In ihrem Geburtsort östlich der Neiße erinnert mittlerweile nichts mehr...
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Die Oma aus Schlesien – wer hat sie nicht? Auch der Verfasser dieser Zeilen hat eine Großmutter, die aus Niederschlesien stammt. In ihrem Geburtsort östlich der Neiße erinnert mittlerweile nichts mehr an die deutsche Vergangenheit. Lediglich der polnische Name der Stadt lässt ihre Ursprünge erahnen: Aus Neusalz an der Oder wurde Nowa Sól. Nach der Flucht sowie der teilweise gewaltsamen Vertreibung und Aussiedlung eines Großteils der Deutschen aus den ehemaligen Ostgebieten, die in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs begann, fand dort eine umfassende Polonisierung statt.

Die verbliebenen Deutsch-Schlesier wurden als Fachkräfte gebraucht. Sie wurden jedoch ihrer Sprache und Kultur beraubt und mussten eine polnische Identität annehmen. Ihre neuen polnischen Nachbarn hatte ein ähnlich hartes Schicksal getroffen: Sie wurden aus dem ehemaligen Ostpolen in die neuentstandenen Westgebiete des Landes umgesiedelt – die Sowjetunion expandierte ihre Grenzen und die Polen mussten weichen.

Mit der Anerkennung der Oder-Neiße-Linie als deutsch-polnische Grenze wurden Jahrzehnte später auch zwischen Deutschland und dem östlichen Nachbarn Fakten geschaffen: Schlesien, Pommern, Ostpreußen und Ostbrandenburg sind und bleiben polnisch.

Ewiggestrige Revanchisten, die geschichtliche Zusammenhänge missachten und deren nationalistische "Trauer" um den Verlust der deutschen Ostgebiete, sind glücklicherweise nur noch die Ausnahme.

Die wirkliche Trauer von Deutschen aus diesen Gebieten um die verlorene Heimat aus Kindheitstagen ist hingegen nachvollziehbar und vollkommen berechtigt. Es hat nichts mit Geschichtsleugnung oder Revanchismus zu tun, wenn ein Mensch Sehnsucht nach dem Ort hat, an dem er seine Kindheit verbrachte. Die deutsche Kriegsschuld und die Verbrechen des NS-Regimes dürfen in keiner Weise relativiert werden – nichtsdestotrotz muss auch eine historisch korrekte und differenzierte Auseinandersetzung mit Verbrechen gegen Deutsche während deren Flucht und Vertreibung im Osten im wissenschaftlichen Diskurs ihren Platz haben.

Dass das Vorgehen der Roten Armee und die anfangs "wilden Vertreibungen" von polnischer Seite als Antwort auf die deutsche Expansionspolitik zu werten sind, ändert nämlich nichts an der Tatsache, dass eine derartige Entwurzelung von Menschen oftmals einen schlimmen Bruch in deren Biografien bedeutet.

Im Sinne eines friedlichen Zusammenlebens der Nationen sollte also jeder von uns zu einer aktiven Völkerverständigung beitragen, die es hoffentlich ermöglicht, dass in aller Zukunft jeder Mensch dort leben kann, wo sein angestammter Platz ist oder wo er sich heimisch fühlt – egal ob in Deutschland, Polen, Europa oder der auf restlichen Welt.

s.doerr@infranken.de