Zu seinen Lebzeiten war Gottfried Heinrich Stölzel (1690 bis 1749) in seiner Bedeutung unumstritten: Zeitweise war der hochgeachtete Komponist sogar bekannter als sein Zeitgenosse Johann Sebastian Bach. Heute jedoch sind seine Werke kaum mehr in Konzertprogrammen zu finden. Warum dem so ist, das dürften sich auch die Besucher der am Karfreitag in der Markgrafenkirche in Seibelsdorf zum Klingen gebrachten "Brockes Passion" gefragt haben.
Eine Erstaufführung im Dekanat Kronach-Ludwigsstadt, deren emotionale Kraft den Vergleich mit anderen Tonschöpfern seiner Zeit wahrlich nicht zu scheuen braucht.
Ganz bewusst hatte sich Dekanatskantor Marius Popp, der erneut die Gesamtleitung des Konzerts innehatte, für gerade dieses Werk entschieden - und das gleich aus mehreren Gründen. Zum Einen ist es ihm ein großes Anliegen, nicht so bekannte Werke einer breiten Öffentlichkeit nahezubringen. Zum Anderen zeigt er sich fasziniert vom interessanten kompositorischen Profil dieses heute nahezu vergessenen Meisters.


Arbeit als Kapellmeister

Der verweilte zum 200. Reformationsjubiläum - also exakt vor 300 Jahren - in unserem Kirchenkreis. Am Hof des Bayreuther Markgrafen, dem der herausragende Ruf des Tonschöpfers nicht verborgenen geblieben war. Eineinhalb Jahre war Stölzel dort als Kapellmeister tätig. Eine Zeit, in der er die Kirchenmusik stark befruchtete. Sein kompositorisches Schaffen umfasst neben zahlreichen Orchester- und Kammermusikwerken, Oratorien und Messen, Motetten und Passionen auch weltliche Kantaten. Leider ging nach seinem Tod ein großer Teil seiner Werke verloren.
Der mit vielen poetischen Bildern umgesetzte Text "Der für die Sünde der Welt gemarterte und sterbende Jesus" stammt aus der Feder von Barthold Heinrich Brockes (1680 - 1747). Er war ein angesehener Anwalt und Ratsherr aus Hamburg, der den Text 1712 veröffentlichte. Er basiert auf dem Passionsgeschehen in den vier Evangelien der Bibel, insbesondere auf den Kapiteln 26 bis 27 des Matthäus-Evangeliums. Im Gegensatz zu späteren Werken wurde er aber nicht wörtlich übernommen, sondern auch in den Rezitativen in Versform nachgedichtet.


Betörende Tiefe

Es war eine wirkliche Entdeckung voll zeitloser Schönheit mit ungeahnter Kraft und Macht. Bereits der im Piano zunächst nur von den Frauenstimmen vorgetragene und sich allmählich steigernde Eingangschor - eine Klage über den toten Jesus - ist spektakulär schön. Was für eine Farbgewalt, was für eine Strahlkraft, was für eine betörende Tiefe.
Dem Dekanatschor gelang zusammen mit dem Popp-Consortium und großartigen Solisten eine Wiedergabe, die leidenschaftlichen Emotionen ebenso Raum gewährte wie religiöser Innigkeit. Mit dem Dekanats-Chor wusste Popp Sänger und Sängerinnen an seiner Seite, die die leuchtenden Klänge zu ebenso berückender Wirkung brachten wie große dramatische Aufwölbungen. Mit Bedacht und höchster Konzentration reagierten diese auf die Intentionen ihres Dirigenten, der die Verläufe mit Übersicht gestaltete und den Charaktern ein klares Profil gab.
Auch sein hochkarätig, mit großartigen Profi-Musikern besetztes Popp-Consortium führte er mit wohl dosierten Tempovorgaben in immer neue Spannungsbögen.
Stärkste Wirkung erhielt die Interpretation durch die exzellenten Gesangeinlagen der Solisten. Mit feinem Timbre und schöner Lyrik sang Lisa Rothländer - nach dem kurzfristigen krankheitsbedingten Ausfall von Christine Wolff - die komplette Sopran-Partie. Eine echte Entdeckung war auch die Altistin Kora Pavelic. Die Kroatin, Sängerin am Landestheater Coburg, musste ihren Part sprichwörtlich "über Nacht" einstudieren, nachdem Stefanie Ernst einen Tag vor dem Konzert aufgrund einer Erkältung ebenfalls absagen musste.
Intensiv und herrlich leuchtend, mit stärkster Eindringlichkeit gestaltete Tenor Sebastian Köchig seine Rolle als Evangelist, dem bei dem Oratorium eine herausragende Bedeutung zukommt. Mit seinem mächtigen Bass verlieh Rainer Grämer dem Jesus seine Stimme.
Er vermochte es dabei, Gänsehaut durchs Publikum strömen zu lassen. Auf ihre ganz persönliche Weise zeigten sie alle, warum dieses Oratorium so anrührt.


Ausdruck der Ruhe

Die letzte Arie ("Wisch ab der Tränen scharfe Lauge, steh, sel'ge Seele, nun in Ruh'") ist ein Ausdruck der Ruhe, bevor mit dem berührenden Schluss-Choral das Oratorium sein innig-ergreifendes Ende findet.
Es ist der Verdienst des Dekanatskantors und seiner Mitwirkenden, dass am Karfreitag zumindest dieser Ausschnitt von Stölzels Schaffen zugänglich gemacht wurde.
Das Konzert widmete der Dekanats-Chor seinem kürzlich verstorbenen langjährigen Sänger und Chorsprecher Pfarrer Reinhard Kube.