Bastian Sünkel Wenn Peter Heller von der Natur erzählt, sieht er sich im Ring. "Es ist wie bei Judo", sagt er dann. "Man kann lernen, die Kraft seines Gegners für sich zu nutzen." Allerdings hat er als Biolandwirt nicht die Aufgabe seinen Gegner, der eher ein Mitstreiter ist, zu unterwerfen. "Es ist nicht sinnvoll sich gegen die Natur zu stellen." Ihm geht es um einen Ausgleich der Kräfte, durch Wissen und Experimentieren, um eine Landwirtschaft ohne Chemie.

Helfende Kräfte, danach suchen auch Menschen, die auf seine in Deutschland seltenen Pflanzen schwören. Dem Hanf haftet immer noch das Klischee der Drogenpflanze an. Dabei ist in Deutschland lediglich der indische Hanf, Cannabis indica, verboten. Was auf dem Kreuzberg in Unterrodach (Landkreis Kronach) wächst, dem wird wohl der Ausdruck Genussmitteln am gerechtesten.

Alles ohne Rausch

Hellers Hanfpflanzen werden zu Lebensmitteln weiterverarbeitet. Die Samen, sogenannte Hanfnüsse, zu Knabberhanf, und ein Teil zu Hanföl. Alles ohne Rausch, die reinen Kräfte der Natur, erklärt der Biolandwirt und zieht wieder einen Vergleich, von denen er an diesem Vormittag noch viele verwenden wird. Ein Öl aus echten biologisch angebauten Hanfpflanzen verhalte sich zu einem künstlichen Cannabinoid wie ein Eintopf zu einer Schüssel heißen Wasser. Wasser ist zwar drin, aber der Rest, die anderen gesunden und entspannenden Cannabinoide wie CBD und CBG fehlen.

Um sich mit Hellers Pflanzen zu berauschen, müsse man schon Hunderte Kilo Samen schlucken oder so viel rauchen, dass der Konsument den Versuch wahrscheinlich nicht oder nur unter Schmerzen übersteht. Aber klar, sagt er: Die Pflanze ist trendy. Im sozialen Netzwerk Instagram finden sich Bilder, wie überwiegend junge Leute in seinem Feld posieren. Einzelne Blüten verschwinden auch in den Taschen der Passanten.

Seit den Neunzigerjahren wächst die Anzahl der Hanffelder in Bayern, verrät eine Anfrage beim Bayerischen Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten. Während im Jahr 2010 lediglich 13 Betriebe 15 Hektar Nutzhanf auf ihren Feldern anbauten, sind es zehn Jahre später bereits 127 Betriebe, die 359 Hektar mit den 52 legalen Sorten der Pflanze Cannabis sativa bestellen. Der Anteil des Hanfanbaus ist immer noch ein verschwindend geringer Teil der rund 3,1 Millionen Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche bayernweit.

In den 1980er-Jahren hat eine Mini-Renaissance begonnen. Der Anbau ist im Jahr 1929 in Deutschland einem Gesetz zum Opfer gefallen, das Opium, Kokain und indischen Hanf verbieten lässt. Zwar wurde die Pflanze zur Fasergewinnung noch verpflichtend im Zweiten Weltkrieg angebaut, sagt der Landwirt. Doch danach wurde es bis zu den 1968er-Protesten ruhig um das Cannabis.

Höchstens 0,2 Prozent THC

Bis zur Lockerung. Medizinischer Hanf des Typs Cannabis indica wird bislang allerdings nur unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen in Schleswig-Holstein angebaut, heißt es in der Pharmazeutischen Zeitung. Der Hanf, der auf den Feldern der Landwirte erlaubt ist, hat durch Züchtungen einen Anteil der psychoaktiven Substanz Tetrahydrocannabinoid (THC) von höchstens 0,2 Prozent. Zu wenig für einen Rausch. Außerdem dürfen nur zertifizierte Landwirte anpflanzen und die Pflanzen schließlich nur zur Weiterverarbeitung verkaufen. Das sind die Gesetze. Aber das Gras wächst wieder.

In Kronach pflanzen neben Heller noch Uwe Germer in Wolfersgrün und Josef Bayer in Bernsroth Hanf an. Die Pflanze findet in allen drei Anbaugebieten eine ganz unterschiedliche Verwendung, erklärt der Landwirt. Ätherische Öle, ein Feld zum Selbstpflücken. Die Sorten, die Peter Heller anpflanzt, tragen die klangvollen Namen Finola, Felina, Futura und Santhica.

Hanf ist für Peter Heller die "harte Sau unter den Feldpflanzen", eine Kulturpflanze, die nun unter strikten EU-Regulierungen wieder auf den Feldern wächst. Heller ist aber skeptisch, ob er in fünf Jahre noch Hanf anbauen wird. Dann vermutet er, reguliere die Gemeinsame Agrarpolitik (GAP) der Europäischen Union nicht nur den THC-Wert, sondern möglicherweise auch den des entspannend wirkenden Cannibidiol. Auf knapp 20 Hektar seiner 120-Hektar-Gesamtfläche wächst das Hanf. Vor fünf Jahren war er der erste im Landkreis, der die Pflanze zurückgebracht hat. Der Ertrag schwankt stark. "Hanfanbau als Bio-Betrieb ist schon ein bisschen zocken."

Als Heller nach dem plötzlichen Tod seines Vaters vor zwölf Jahren den Hof übernommen hat, wusste er bereits, dass er nur Landwirt bleiben wird, wenn er auf seine Art den Hof unterhalten wird. Er hat sich als Biolandwirt zertifizieren lassen und dann begonnen mit Pflanzenkulturen zu experimentieren. Aus alten Büchern hat er zum Teil in Frakturschrift die vergessenen Formen der Landwirtschaft nachgelesen, die bis Mitte des 20. Jahrhunderts alles andere als unüblich waren. Die festen Hanffasern waren für die Kleidungsindustrie unerlässlich. Doch dann veränderte sich die Landwirtschaft.

Landwirt Heller sagt, er hat kein Mitleid. "Der Staat kriegt exakt den Landwirt, den er ausbildet." Die Schulen der Landwirte sind allesamt staatlich. Er erinnert sich, das viele Jahre in der Ausbildung keine Alternative zu Unkraut- und Insektenvernichtern gelehrt wurde. Der Gebrauch von heute zum Teil verbotenen Breitbandmitteln war die einfachste Methode, die Natur zu unterwerfen, die Landwirtschaft zu industrialisieren.

Hanf zurück auf den Märkten

Das ist der Status Quo, den Peter Heller und andere Biolandwirte ändern wollen. Hanf ist dabei nur eine der Kulturen, die er zurück auf die Felder und damit auf den Markt bringt. Er zählt auf: Linsen, Hirse, Dinkel. Das sind alles Nutzpflanzen, die unter anderem aus Gründen einer kultureller Klischees - Arme-Leute-Essen! - und im Produktionsprozess der Landwirtschaft nur noch ein Nischendasein fristen. Landwirt Heller bringt sie zurück aufs Feld.

Er gräbt nach altem Wissen und beobachtet dabei seine Felder - Natur-Judo. Wächst eine weitere Pflanze neben der gewünschten, muss er wissen, welche Kulturen er ansät, die sich möglicherweise ergänzen oder zumindest nicht stören. Aus einem ungedüngten Feld erhält er weniger Ertrag als die konventionelle Landwirtschaft, erklärt er. Etwa ein Drittel unter schlechten Voraussetzungen, mehr als die Hälfte in guten Jahren.

Etwa die Hälfte seines Ertrags erzielt er mittlerweile mithilfe einer modernen Reinigungsmaschine, die Hanfnüsse, Linsen und andere Samen von Verunreinigungen befreit. "Ich bin bis nächstes Jahr ausgebucht", sagt er. Hellers Kunden kommen aus ganz Europa. Etwa 80 Prozent der Anfragen müsse er absagen und schließlich sind es die komplizierten Aufträge, die ihn reizen. Die empfindlichen Linsen, die bei unter 8 Grad Celsius zerbrechen zum Beispiel, aber eben auch die Hanfnüsse. Auf fünf Kilogramm Hanf darf nur ein Körnchen zu finden sein, dass dort nicht hingehört, erklärt Heller.