von unserem Redaktionsmitglied 
Lisa Kieslinger

Kronach — "Abi geschafft - und dann?", diese Frage werden sich bald rund 39 000 bayerische Abi turienten stellen. Viel theoretisches Wissen hat sich in den Jahren angehäuft, aber das praktische bleibt meist auf der Strecke. In Bayern wurde mit dem G 8 das so genannte P-Seminar (Projekt-Seminar) in der Oberstufe eingeführt. Dieses soll Schüler bei der Studien- und Berufswahl unterstützen und sie auf Anforderungen der Berufswelt vorbereiten.

Junger Unternehmergeist

Im Kaspar-Zeuß-Gymnasium üben sich seit Februar 14 junge Leute als Unternehmer. In ihrem P-Seminar gründeten sie ein Schülerunternehmen. Vorgaben gab es so gut wie keine. Lediglich ein erfolgreiches Unternehmen sollten sie gründen, das ein Jahr am Markt bestehen kann. Das war die Maßgabe des Schülerfirmen-Programms "Junior", das durch Sponsoren das Projekt finanziell unterstützt.
Anfangs mussten die Schüler eine Erfolg versprechende Idee finden. Gar nicht so einfach. Doch dann kam der Zufall ins Spiel: Eine Schülerin bastelte Taschen aus alten Tapeten. "Das war reine Glückssache. Wir haben es ausprobiert, und es hat funktioniert", erzählt Elena Grune, die Vorsitzende des Schülerunternehmens Wall2all. Die Geschäftsidee war also geboren.
Doch dann ging es erst richtig los. Ein Name, eine Struktur und ein Logo mussten gefunden werden - und am besten sollten alle damit zufrieden sein. Leicht ist das nicht, vor allem nicht beim Logo. "Es gibt oft Diskussionen, manchmal auch heftigere. Aber eigentlich kommen wir am Ende immer auf einen grünen Zweig", erzählt Elena. Um richtig loslegen zu können, brauchte es natürlich Geld. 90 Anteilscheine je zehn Euro verkauften die Schüler an Lehrer, Eltern und sogar an die Bürgermeisterin von Teuschnitz. Mit dem Startbudget konnten sie Material kaufen und die Produktion starten. Für ihre Geschenktaschen und Umschläge für Notizbücher nehmen sie Stücke aus Tapetenbüchern.

Verschiedene Techniken

Mit zwei speziellen Falttechniken bringen sie das Tapetenstück in Form. Für kleine Geschenktaschen werden Kanten vorgefaltet und dann zusammengeklebt. Die zweite Variante ist eher für größere Inhalte gedacht: Die Tapete wird dabei um einen Karton gelegt und in diese Form geklebt.
Damit das Schülerunternehmen genauso reibungslos funktioniert, wie ein richtiges Unternehmen ist Wall2all in vier Abteilungen aufgeteilt: Marketing, Finanzen, Produktion und Verwaltung. Jede der Gruppen kümmert sich um ihren speziellen Verantwortungsbereich.
Dem Schülerfirmen-Programm "Junior" ist es besonders wichtig, dass alle Faktoren so real wie möglich sind. So bekommen die Schüler sogar Lohn. "50 Cent die Stunde. Das ist eher symbolisch gemeint", sagt Elena lachend. Aber es gehört zum Arbeitsleben dazu. Auch mit Themen wie Lohnsteuer und Mehrwertsteuer müssen sich die jungen Unternehmer auseinander setzen. "Das meiste regelt zwar ,Junior‘, Aber wir bekommen einen Einblick in das reale Leben, wie mit den einzelnen Positionen umgegangen wird", erzählt Michael Förtsch, der Pressesprecher von Wall2all.

Suche nach Geschäftspartnern

Die kreative Arbeit ist nun abgeschlossen: Logo und Name sind entwickelt, die Produktion der Tapetentaschen und -umschläge ist in vollem Gange. Jetzt braucht das Schülerunternehmen Partner, am besten natürlich lokale. "In den nächsten Wochen gehen wir direkt zu den Unternehmen und bieten ihnen unsere Produkte an", erklärt Elena. Michael Förtsch kann sich ihr Produkt beispielsweise gut als Geschenktasche für Parfüm vorstellen. Neben der Suche nach Geschäftspartnern, hat die Webseite momentan oberste Priorität. Es gibt sie zwar schon, aber viel ist auf www.wall2all.de noch nicht zu sehen. "In den nächsten Tagen und Wochen wird sie immer besser werden", verspricht Michael Förtsch.
Damit ist aber noch viel Arbeit verbunden. Normalerweise findet das P-Seminar am Donnerstagnachmittag statt. Doch diese Zeit reicht bei Weitem nicht. "Manche machen die Buchführung zu Hause, andere basteln die Taschen oder gestalten die Plakate", erzählt Michael Förtsch. Ein Unternehmer arbeitet einfach selbst und ständig, wie man so schön sagt. Das lernen die Schüler schon einmal.