Nicole Julien-Mann Funktioniert "Arsen und Spitzenhäubchen", der Klassiker der Krimikomödien, auch in Farbe? Diese Frage dürfte einige cineastische Nostalgiker auf dem Weg in den Kronacher Kreiskulturraum bewegt haben. Denn wer kennt sie nicht, die grandiose Verfilmung aus dem Jahr 1944 mit Cary Grant als Mortimer Brewster, der einzig Normale in der Sippschaft, der angesichts des in seiner Verwandtschaft grassierenden Wahnsinns selbst durchzudrehen droht. Ob die altjüngferlichen Schwestern, der vermeintliche Präsident der Vereinigten Staaten, der monsterhafte verlorene Sohn oder der zwielichtige Dr. Einstein - das skurrile Figurenkabinett ist in das kollektive Gedächtnis eingeprägt.

Dagegen anzuspielen ist schwierig, aber kein Problem für das Ensemble der Landesbühne Rheinland-Pfalz in der Inszenierung von Andreas Lachnit. Die Schauspielerriege ließ keine Zweifel aufkommen: die Krimi-Groteske, echt und in Farbe, sorgt auch auf der Bühne für beste Unterhaltung.

Uralt, aber immer noch witzig

Auf Überraschungen in Inszenierung oder Text kann sowieso getrost verzichtet werden, alles andere würde das Publikum wahrscheinlich übelnehmen. Der rasante Plot um die Leichen im Keller hat zwar fast hundert Jahre auf dem Buckel, ist aber buchstäblich immer noch irrsinnig witzig. Denn daran hat sich nichts geändert: Das größte Grauen verbirgt sich hinter den spießigsten Fassaden, und zwischen Normalität und Wahnsinn verläuft ein schmaler Grat. Dieser ist gut kaschiert als anheimelnde Blümchenstube, in der die Schwestern Kuchen und Schmorbraten servieren, aber eben auch den hausgemachten Holunderwein, der einsame Alterssingles erst in Verzücken und dann ins Jenseits versetzt. So schmerzfrei die Herren ihren Geist aushauchen, so schmerzfrei erläutern die Brewsterdamen ihr Rezept: "Auf ungefähr vier Liter Holunderwein nehme ich einen Teelöffel Arsen, einen halben Teelöffel Strychnin und eine Prise Zyankali." Die Damen handeln reinen Herzens, getrieben von Gottesfurcht und Nächstenliebe. Nur ein Mal offenbart sich ein Blick in ihre Abgründe. "Oh, dürfen wir da zuschauen?", betteln sie hoffnungsvoll. Wohlgemerkt - die Rede war von einer drohenden Amputation.

Zwei Mordserien

Der Wahnsinn in der Familie hat viele Gesichter. Harmlos kindlich mutet Teddy "Präsident Roosevelt" mit seinen vielen Staatsgeschäften an, etwa Hilfslieferungen von ausrangiertem Spielzeug an den Kindergarten zu genehmigen. Das unverstellte Böse in Gestalt des Frankensteinmonsters verkörpert der lange abwesende Jonathan, der zusammen mit seinem Chirurgen in das vermeintliche Idyll eindringt.

Zwei Mordserien flocht Joseph von Kesselring in sein Kriminalstück kunstvoll zusammen, die sich bei dem ganzen Tohuwabohu von Holztruhe auf und zu, Fenster hoch und runter, "Attacke!" und Trompetensignalen zum Aufbruch Richtung Panamakanal zum Schluss auf wundersame Weise wieder auflösen.

Jede Rolle ist wunderbar besetzt, die liebenswürdig schrulligen Schwestern, der staatsmännische Präsident Teddy, der brutale Jonathan, der verdruckste Dr. Einstein, die bräsigen Polizisten, die bezaubernde Elaine und der überforderte Mortimer. Theaterurgestein Claus Wilcke brilliert in gleich drei Rollen als Pastor, Beinahe-Untermieter und Sanatoriumschef und beweist, er ist es halt immer noch: "Der Mann, der Mann, der Mann, der alles kann!"