Die Hochschule Coburg setzt sich für Chancengleichheit ein. Sie ist jetzt Mitglied eines besonderen Netzwerks.

Das Problem beginnt in der Rushhour des Lebens: "Bis zum Abitur gibt es keine großen Unterschiede zwischen Mann und Frau. Aber mit Mitte oder Ende 20 beginnt eine Phase, in der alles im Leben gleichzeitig passiert", sagt Dr. Renate Lucke. Partner finden, ein Zuhause schaffen, grundlegende Entscheidungen zu Berufseinstieg und Karriere treffen. "Der akademische Bildungsweg mit Studium und Promotion ist ohnehin sehr langwierig", erklärt Lucke, "und für eine Professur an einer Hochschule für Angewandte Wissenschaften sind in der Regel zusätzlich fünf Jahre Berufserfahrung Voraussetzung." Für so eine Laufbahn haben Frauen auch heute meist weniger Zeit als Männer. Denn die Entscheidung dafür fällt mitten in der Rushhour: Daher haben es die Hochschulen nicht leicht, Professorinnen zu finden.

Lucke ist Mentoring-Managerin an der Hochschule Coburg und seit März außerdem Recruiting-Beauftragte für Professorinnen. Sie sucht bewusst nach geeigneten Kandidatinnen, denn die Hochschule Coburg hat sich zum Ziel gesetzt, Frauen zu fördern. Dabei sind auch Vorbilder wichtig: Professorinnen, weibliche Führungskräfte. In der Hochschulleitung hat Coburg mit Präsidentin Christiane Fritze, den Vizepräsidentinnen Jutta Michel und Aileen Susanne Funke sowie der Kanzlerin Maria Knott-Lutze genau solche Persönlichkeiten, die junge Frauen inspirieren können.

Im Projekt "Frauen gesucht" verbindet Lucke die Arbeit verschiedener Stellen zu einer gemeinsamen Strategie der Frauenförderung: Präsidentin Fritze engagiert sich für das Thema, die Gleichstellungsbeauftragte Monika Faaß, die Beauftragten für Genderkompetenz Lisa König, die Frauenbeauftragten und das Referat für Personal- und Organisationsentwicklung.

Dabei geht es nicht ausschließlich um Spitzenpositionen, sondern allgemein darum, Benachteiligungen abzubauen. Gerade ist die Hochschule Coburg dem Nationalen Pakt für Frauen in MINT-Berufen beigetreten. Absolventen in Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik sind gefragte Fachkräfte - und in der Überzahl männlich. Deswegen hat das Bundesministerium für Bildung und Forschung die Plattform ins Leben gerufen. Unter dem Motto "Komm, mach MINT" arbeiten Entscheidungsträgerinnen und - träger aus Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden, Medien und Politik zusammen, um Mädchen und junge Frauen für Berufsfelder in Naturwissenschaft und Technik zu gewinnen. Coburg passt perfekt dazu, denn in diesen für die Wirtschaft in der Region so wichtigen Bereichen haben die Studierendenzahlen hier stark zugenommen und in den kommenden Jahren entsteht am Campus Friedrich Streib ein MINT-Quartier, in dem die technischen Fakultäten lehren und forschen sollen.

Während gebaut wird, kümmern sich Renate Lucke und ihre Kolleginnen darum, dass dieses Quartier auch Heimat für Studentinnen und Wissenschaftlerinnen wird. Die Jobbörse der MINT-Plattform soll helfen, Professorinnen zu gewinnen. "Aber das Netzwerk des Ministeriums können wir auch nutzen, um uns mit anderen Hochschulen und mit Unternehmen über Frauengewinnung und - förderung im Bereich MINT auszutauschen." Umgekehrt kommen im Netzwerk die Frauen in der Hochschulleitung in Coburg und beispielsweise auch die Videos über Professorinnen und Doktorandinnen gut an.

"Es geht sehr oft darum, Frauen sichtbar zu machen", erklärt Lucke ihre Arbeit. "Im Mentoringprogramm ermutigen wir Frauen, dass sie nicht so zögerlich sein müssen. Männer machen einfach: Sie bewerben sich auch mal fröhlich auf eine Stelle, für die sie überhaupt keine Kompetenz haben."

Frauen hingegen würden sich oft stark hinterfragen und dabei manchmal nicht sehen, was sie können - selbst wenn sie hochqualifiziert sind. Die mangelhafte Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist nicht das einzige Problem. Trotzdem ist sie immer noch eine der Hauptursachen für das Ungleichgewicht.