Ganz ist die Dienstzeit noch nicht vorüber: Zum Jahresende wird Sonntag sein Büro räumen. Schlichtes modernes Mobiliar steht dort zwischen Fachwerkständern und weißen Wänden, mit Blick auf den Innenhof. Bernd Vogt wird sein Nachfolger werden, den Sonntag seit geraumer Zeit einarbeitet. Kein Zweifel: Es ist ein geregelter Abschied.
42 Jahre und drei Monate war Frank-Jürgen Sonntag dafür zuständig, dass in der Seßlacher Stadtverwaltung alles geregelt ist. Dass er in die Verwaltung kam, scheint ein eher spontaner Entschluss gewesen zu sein: Bankkaufmann hatte er gelernt, und nach den zwei Jahren beim BGS hätte er in der Bank auch wieder anfangen können. "Der Vertrag war schon unterschrieben", erzählt er. Aber dann sah er die Stellenanzeige: Seßlach suchte einen Geschäftsleitenden Beamten. Die Gebietsreform hatte bereits begonnen; es war klar, dass Seßlach wachsen würde. "Ich wollte weiterkommen", sagt Sonntag.


Gebietsreform

Räumlich kam der gebürtige Ahorner zwar nicht sehr viel weiter, aber es war klar, dass eine spannende Aufgabe auf ihn wartete: Bis zur Landkreisgebietsreform hatte Seßlach zum Landkreis Staffelstein gehört. Die Gemeinden Dietersdorf, Gemünda und Autenhausen waren coburgisch, Heilgersdorf gehörte zum Altlandkreis Ebern. Sie alle sollten bis 1978 Seßlacher Stadtteile werden. Den Anfang machte Oberelldorf. Dort starb 1975 der Bürgermeister, und so ersparte sich das Dorf Neuwahlen. Gleismuthhausen, Lechenroth und Hattersdorf folgten, die übrigen kamen 1978 dazu. Viele Gemeinden verkauften kurz vor der Eingemeindung noch ihre Gemeindewälder an den Freistaat, erinnert sich Sonntag. Das Geld wurde meist direkt im Ort ausgegeben, für neue Straßen. Seßlach sollte nichts davon bekommen - jeder wusste, dass die Stadt ohnehin nicht viel hatte.
Das war ihr Glück, sagt Sonntag. Modernisierungen am alten Stadtbild, wie sie in den 50er- und 60er-Jahren in vielen Städten vorgenommen wurden, konnte sich Seßlach schlicht nicht leisten. "Bürgermeister Karl Franz hat damals erkannt, dass die Zukunft der Stadt in der Städtebauförderung liegt." 1976/77 begannen die ersten vorbereitenden Untersuchungen; die Sanierungssatzung, die daraus folgte, gilt bis heute.
Sie muss überarbeitet werden. Das ist Sonntag ein Anliegen über seine Dienstzeit hinaus. Im November beschloss der Stadtrat, ein Integriertes Stadtentwicklungskonzept (Isek) auf den Weg zu bringen, um eine neue und umfassende Grundlage zu haben, wie sich die Stadt und ihre Dörfer künftig entwickeln sollen. Da geht es nicht nur um Denkmalschutz und Baugebiete, sondern auch um die Funktionen eines Gemeinwesens: Wo ist welche Entwicklung möglich und nötig, wie soll sie aussehen?
Sonntag, bekennender Fan moderner Architektur, interessiert sich für Stadtentwicklung. Als Chef einer kleinen Verwaltung ("wir sind nur sieben Leute") musste er sich auch darum kümmern; ein Stadtbauamt hat Seßlach nicht, sondern arbeitet mit freien Architekten und Stadtplanern zusammen.


Loyalität und Offenheit

Überschaubar blieb auch die Zahl der Bürgermeister, mit denen Sonntag zusammenarbeitete. Auf den langjährig amtierenden Karl Franz (CSU) folgte 1984 Hendrik Dressel (Freie Wähler/Bürgerblock) aus Gemünda, annähernd gleich alt wie Sonntag und "ein Macher", wie Sonntag sagt. Die beiden kamen gut miteinander aus, auch wenn sie sich laut Sonntags Erinnerung in manchen Dingen grundlegend unterscheiden: "Bei mir muss alles sofort erledigt werden, bei Dressel kamen manche Sachen auf den letzten Drücker." 2014, nach 30 Jahren, trat Dressel nicht mehr an. Mit Nachfolger Martin Mittag (CSU) kam Sonntag gut aus - und umgekehrt. "Unser Verhältnis ist von Loyalität und Offenheit geprägt", sagt Mittag, der vor seiner Wahl schon als Dritter Bürgermeister mit Sonntag zusammenarbeitete. Sonntags Wissen und Erfahrungsschatz "war für mich eine große Erleichterung beim Einstieg im Amt".
Nächstes Jahr scheidet auch Kämmerer Hans Vogt aus, dann ist der Generationswechsel im Seßlacher Rathaus vollzogen. Frank-Jürgen Sonntag hätte auch selbst als Bürgermeisterkandidat antreten können. Die Unterstützung einer der großen Fraktionen hätte er immer gehabt ("sie haben mich beide gefragt"), doch er wollte nicht. "Dazu bin ich zu sehr Familienmensch" und wirke lieber im Hintergrund. Seine Frau, die er noch während der BGS-Zeit geheiratet hatte, und er haben zwei Kinder. Gemeinsam bewirtschaften sie den großen Gemüsegarten ("ich habe so etwas wie einen grünen Daumen") und drehen jeden Abend eine flotte Marschrunde. Er sei gern draußen in der Natur, sagt Sonntag. "Als Jugendlicher wollte ich Förster werden."