"Wir hatten das Saatgut rechtzeitig angekauft, sodass es vor dem Corona-Lock-down eingebracht werden konnte", erklärte Katrin Gruß von der Reckendorfer Umweltgruppe mit strahlendem Blick auf die jetzt reichhaltigen Erträge in den Beeten. Das Areal im Rathausgarten sei bis vor einigen Jahren von einer älteren Dame bearbeitet worden, fügte Harald Schneider, ebenfalls Mitglied des Initiatoren-Teams "Gemeinschaftsgarten", hinzu: "Dann lag es brach ..." Lange blieb es ungenutzt, so lange bis die Reckendorfer Umweltfreunde auf das Programm des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend unter dem Motto "Demokratie leben!" aufmerksam wurden.

Als Ansprechpartnerin zeichnet sich Vanessa Hohmann vom Bildungsbüro des Landratsamtes Bamberg verantwortlich. Auch sie war sichtlich beeindruckt und begeistert von dem hiesigen Erfolg, als sie Jung und Alt, Einheimische und Flüchtlinge auf ihren Parzellen beim Gärteln beobachten konnte. "Bisher fällt dieser Garten im Landkreis als Alleinstellungsmerkmal auf", so stellte die Projektverwalterin aus dem Fachbereich LB2 fest: "Es kann jedoch jeder mitmachen: Nachahmer sind sogar erwünscht!"

Kulturaustausch inbegriffen

Als Kooperationspartner der Umweltgruppe fungieren die Gartenfreunde Reckendorf e.V. (Träger) und die Gemeinde Reckendorf, welche das Gartenland zur Verfügung stellt. Man hatte sich das Ziel gesetzt, interessierte Migranten und Einheimische für ein selbstbestimmtes Gärteln zu gewinnen, wobei über das Wissen zu Kräuter- und Gemüseanbau ein zusätzlicher Kulturaustausch stattfinden soll. Neben der Versorgung mit eigenem Gemüse, Salat etc. steht das Knüpfen von Kontakten zwischen den einzelnen Altersgruppen und Nationalitäten im Vordergrund. Die Idee entstand in Erinnerung an die Kleingartensiedlungen, in welchen den Vertriebenen aus den Ostgebieten nach dem Zweiten Weltkrieg zur Linderung von Hunger und Not Land zugewiesen wurde, das sie schließlich bewirtschafteten.

Im Februar 2020 war das Gartengrundstück hinter dem Rathaus gerodet und in verschiedene Parzellen aufgeteilt worden. Dann fragten die Beteiligten der Umweltgruppe bei den interessierten Gärtnern nach, welches Saatgut man denn jeweils bestellen sollte. Erfreulicherweise wurden die Zuschüsse für Erde, Saatgut und Geräte vonseiten des Bundesprogramms von Gerätespenden aus der Bevölkerung ergänzt.

Bereits Ende 2019 war mittels persönlicher Ansprache bei verschiedenen Treffen auf dieses Projekt aufmerksam gemacht worden. Nach einer Erweiterung des Parzellenangebots bewirtschaften jetzt mittlerweile elf Leute ihre eigenen Gärtchen.

Einnahmen erwirtschaften

Man beriet sich anfangs in der Auswahl des Saatgutes gegenseitig. Eine Familie aus Eritrea regte zum Beispiel die Anpflanzung von Senf an. Dann erfolgte der Tausch von einzelnen Setzlingen. Der beabsichtigte kulturelle Austausch geriet allerdings durch den Beginn der Corona-Pandemie Anfang März etwas in den Hintergrund. Die kulturelle Vielfalt war jedoch durch Einzelpersonen und Familien aus Syrien, dem Irak und Eritrea sowie Reckendorfern gewährleistet.

In Zukunft soll sich das Förderprogramm nachhaltig festigen und im Zuge der Anstoßfinanzierung auch Einnahmen erwirtschaften. Man könne sich vorstellen, so Harald Schneider, vor Ort Fachvorträge anzubieten oder Informationsveranstaltungen für Gartentipps à la Jupp Schröder, der dem Garten bereits einen Besuch abgestattet hatte. Die Umweltgruppe treffe sich regelmäßig, ergänzte Katrin Gruß, und freue sich über Zuwachs.

Anträge stellen

Vanessa Hohmann erinnerte schließlich noch einmal daran, dass für das Projekt "Demokratie leben" in der Regel Anträge zwischen 500 und 3000 Euro zur Förderung der kulturellen Vielfalt gestellt werden könnten. Die Durchführung eines solchen Projektes sei auch in "Corona-Zeiten" durchführbar.