Am Abend, wenn langsam die Sonne am Horizont untergeht, dringen in Thurnau leise Orgelklänge aus der St.-Laurentius-Kirche ins Freie. Dann sitzt Gudrun Erlmann mit ihren speziellen schwarzen Schuhen an der Orgel auf der Empore und übt. Meistens sind es Choräle und Lieder für den Gottesdienst. An dem Abend, an dem wir sie besuchen, hat sie sich ein anspruchsvolles Scherzo vorgenommen - mit Rhythmuswechsel und Tonartenwechsel.

Ob Dur oder Moll, ob Kreuze oder Bs - Gudrun Erlmann lässt keine Schwierigkeit aus. In dem Stück gibt es Passagen, an dem sieben oder acht Töne gleichzeitig erklingen: Akkorde in der linken und rechten Hand, dazu treten die Füße - natürlich in anderen Notenwerten - und liefern das Brummen des Basses.

"Meine Lehrerin würde sagen: Acht Töne gleichzeitig sind doch kein Problem - man hat schließlich zehn Finger", lacht die 53-Jährige und wischt jegliche Bedenken, die falschen Tasten zu treffen, vom Orgeltisch. Beherzt greift sie in die schwarzen und weißen Tasten - sie trifft perfekt: Es klingt herrlich. Die Kirche ist von einem fulminanten Klang erfüllt. Die Musik tost und lädt zum Entspannen ein.

Gudrun Erlmann hat ihr Hobby erst spät entdeckt. "Ich arbeite als Dekanatssekretärin. Manchmal haben wir verzweifelt Organisten gesucht. Es könnte immer mehr geben. Dann habe ich mich ganz bewusst entschieden, selbst das Orgelspiel zu lernen", berichtet Erlmann. Sie weiß noch haargenau, wann dieser Entschluss in ihr gereift ist: im Jahr 2014, als ihr Sohn sein Abi in der Tasche hatte und auszog. "Meine Tochter war damals schon weg. Ich habe mir dann überlegt, dass es eigentlich Freiräume geben müsste", erklärt die Thurnauerin.

Sie rechnete aus, dass sie jetzt weniger waschen und kochen müsse und dass sie weniger Fahrdienste zu erledigen habe. Und diese Lücke wollte sie mit einem Hobby füllen. "Ich habe dann eine Probestunde bei Eva-Maria Scheidel gemacht und habe wirklich angefangen mit dem Orgelspiel", zieht Erlmann Bilanz.

Doch Gudrun Erlmann wäre nicht sie selbst, wenn sie aus diesem Hobby nicht eine Passion machen würde. Sie hat sich vorgenommen, jeden Tag mindestens eine Stunde zu üben. Denn auch die eingängigen Kirchenchoräle, die sie sonntags in den Gottesdiensten zu spielen hat, studieren sich nicht von selbst ein. Immer wieder probiert die spätberufene Organistin Vor- und Nachspiele. Vor allem das Registrieren der Stücke ist eine Herausforderung.

Die 53-Jährige hatte keinerlei Vorkenntnisse. Sie hat zwar früher Akkordeon gespielt, doch sie konnte den Bassschlüssel nicht lesen. Und Klavier konnte sie auch nicht spielen. Trotzdem hat sie sich an die "Königin der Instrumente" gewagt.

Inzwischen weiß sie alles über die Thurnauer Orgel. 1475 Pfeifen nennt das Instrument sein eigen. 22 Register stehen zur Verfügung, und außerdem gibt es eine Spielhilfe, die den Organisten das Leben erleichtert. Eine Lieblingsregistrierung kann Gudrun Erlmann nicht nennen. Nur so viel verrät sie: Das Krummhorn lässt sie meistens weg, denn es klingt bewusst schräg.

Gudrun Erlmann achtet beim Orgelspielen darauf, wie viele Gläubige in der Kirche sind und in welchem Gotteshaus sie spielt. Denn die Vorlieben der Christen seien je nach Ort anders. "Manche singen viel, manche eher verhalten." Dementsprechend wähle sie einen volleren oder zarteren Klang.

Auch die Macken so mancher Orgeln kennt sie. Erst neulich ist es wieder passiert - mitten im Vortrag blieb eine Taste hängen. Vor allem, wenn die Temperaturen wechseln, können Kirchenorgeln zickig werden. Ein seltsamer Unterton mischte sich ins Spiel. "Aber was soll man machen? Ich habe dann fertiggespielt und dann die Taste gelöst", erklärt die Organistin. Überhaupt sei der Moment, an dem die Glocken verklingen und die Orgel einsetzen muss, der schwierigste. "Immer wieder wird einem klar, dass man jetzt selbst dran ist und man einsetzen muss", sagt Erlmann. Auch wenn sie die Stücke noch so oft geübt hat, ein bisschen Lampenfieber gehört für sie dazu.

Auch bei den schwierigsten Stücken gibt die 53-Jährige nicht auf. "Ich wollte vielleicht auch ein bisschen wissen, ob ich Kopf, Hände und Füße noch unter einen Hut bekomme. Aber ich bin froh, dass ich es ausprobiert habe und kann es nur jedem empfehlen, es auch mal zu versuchen", schwärmt Gudrun Erlmann. Schön am Orgelspiel findet die spätberufene Organistin vor allem, dass sie so herzlich aufgenommen wird. "Es ist überall eine gute Atmosphäre. Man weiß, dass man gebraucht wird", sagt sie.

Die Thurnauerin hat sich vorgenommen, noch viele weitere Stunden bei Dekanatskantorin Ulrike Heubeck zu nehmen, denn sie will immer besser und versierter werden. Außerdem möchte sie auch noch einen Chorleiterlehrgang absolvieren. Die Kirchenmusik hat die 53-Jährige in ihren Bann gezogen.