Matthias Einwag

An ihre wundervolle Kindheits- und Jugendzeit in Kloster Banz vor vielen Jahrzehnten erinnert sich die 85-jährige Berta Dennerlein aus Erlangen sehr gern. "Das war Sommer, Sonne und Freiheit", sagt sie, "wir waren dort sehr glücklich."

Die Erlangerin wuchs als Jüngste von vier Schwestern in Bamberg auf. "1940 bekamen wir ein Pflichtjahr-Mädchen - das war Anna Hetzel, die Tochter des Mesners und Organisten von Banz. Sie war damals 15 und ich war fünf Jahre alt", erzählt Berta Dennerlein. In den Ferien der folgenden Jahre wurde sie daraufhin von der Familie Hetzel auf den Banzberg eingeladen.

"Mein erster Besuch in Banz war im Winter 1940 bei Schnee. Der Zug hielt nicht in Staffelstein, so dass wir von Lichtenfels aus zu Fuß nach Banz hinauf laufen mussten", erinnert sie sich. "Ich kam in die fremde Wohnung, wo ich hilflos losheulte - aus Erschöpfung und vor Fremdsein."

In den folgenden zehn Jahren besuchte sie gemeinsam mit ihrer ein Jahr älteren Schwester Hildegard alljährlich Kloster Banz und verbrachte dort jeweils einige Wochen in der Obhut der Familie Hetzel. Vor allem im Sommer sei es dort sehr schön gewesen - es war eine heile Kinderwelt, mitten im Krieg.

Abenteuer am Kegelplatz der Mönche

"Die große Freiheit, die wir hatten, war wunderschön: Wir haben Erkundungen in den Wald unternommen, mit der Flöte musiziert und Lieder gesungen." Überall gab es Abenteuerliches: Im Sommer saßen sie auf Hochsitzen oder Waldwiesen. Eine dieser malerischen Lichtungen, das "Schlangenbad", hat sie in besonders guter Erinnerung. "Und auch am Kegelplatz der Mönche trieben wir uns herum."

"Vater war im Krieg", sagt sie. So kam es, dass die beiden Schwestern jedes Jahr in den Sommerferien mindestens 14 Tage von Bamberg an den Obermain reisten. "Wir nahmen dort am Leben der Mesner-Familie teil." Dazu gehörte auch, Dienst in der Kirche zu leisten - etwa das übelriechende Blumenwasser auszuleeren und die Kniebänke sauberzuwischen. "Wir hatten große Ehrfurcht vor den unberührbaren Messgeräten in der Sakristei."

Läuten und Aufziehen der Turmuhr

Natürlich stiegen die Kinder oft auf die Türme der Stiftskirche. Sie schauten zu, wenn der Mesner die Turmuhr aufzog und halfen ihm beim Glockenläuten. An die großen Turmuhr-Gewichte aus gelbem Sandstein kann sich Berta Dennerlein lebhaft erinnern, weil der Mesner die schweren Quader mit Muskelkraft an einer Hebelwinde hochgekurbelte.

"Als wir älter waren und erstmals allein zum Läuten rauf durften, waren wir so begeistert, dass wir die Glocke zu zweit anschubsten, um sie in Schwung zu bringen", erzählt die Erlangerin. Das machte den beiden Schwestern so viel Spaß, dass sie gar nicht merkten, wie die Zeit verging. Etwa 20 Minuten läuteten die Mädchen. Als sie den Turm verlassen wollten, kam der schimpfende Mesner angelaufen. Er machte ihnen Vorwürfe. Dieie Bauern der Umgebung hatten ihn angerufen und wollten wissen, ob das Sturmläuten bedeute, dass Feuer ausgebrochen sei. Und noch ein prägendes Erlebnis hat Berta Dennerlein über all die Jahrzehnte bewahrt: "Einmal riss beim Abendläuten das Seil im linken Turm ab. Der Strick prasselte auf uns herab wie laute Hiebe."

Zum Leben in Kloster Banz, das wie in einem eigenständigen Dorf gewesen ist, merkt sie an: "Es gab dort oben nur die Post, den Zapf, der den Ansichtskartenladen betrieb, sowie die Bäckerei und die Schlosswirtschaft von Toni Bruckner." Die Petrefaktensammlung (Versteinerungen) und die altägyptische Mumie beeindruckten die Kinder sehr. Zu der damals dort lebenden Ordensgemeinschaft hatten sie guten Kontakt: "Wir haben uns den Heiligen Engeln direkt zugehörig gefühlt - der Chef, der Pater Linnemann, war zurückhaltend-wohlwollend. Eine herausragende Figur war Pater Martin Kuhn, der eine literarische Zeitschrift herausgab und kulturelle Veranstaltungen anbot - bei ihm sangen wir Gregorianische Choräle, einige kann ich heute noch auswendig."

Pater Martin Kuhn habe die wenigen Kinder, die es in Banz gab, zusammengeholt, um mit ihnen das Weihnachts- und Neujahrssingen zu veranstalten: "Was wünschen wir dem Herrn ins Haus zum neuen Jahr..." Auch an den fränkischen Brauch des Fitzelns und Pfefferns zwischen den Jahren kann sie sich gut erinnern.

"Wir fühlten uns dort im Kloster wie die Kinder des Hauses. Zu den Klosterbrüdern hatten wir immer ein freundschaftliches Verhältnis", sagt sie. "Bruder Meier und Bruder Stoppel brachten im Sommer gefüllte Honigwaben, die wir auszuzeln durften." Die Klosterbrüder nahmen die Kinder mit auf die Felder, und ließen ihre Schützlinge heimwärts oben auf dem hoch aufgetürmten Heuwagen mitfahren zum Kloster.

Das Decken der Kuh ist nichts für Kinder

Bruder Benno, der den Stalldienst versah, sei bei allen Kindern sehr beliebt gewesen. Einmal - Berta Dennerlein war vielleicht acht Jahre alt - passierte jedoch Seltsames: "Ein Bauer trieb seine Kuh zu einer Stellage im Schlosshof. Ich holte die jüngeren Kinder zusammen und turnte mit denen in langer Reihe an. Aber als Bruder Benno mit dem Stier aus dem Stall kam, schickte er uns streng fort." Der Grund: Die Kinder sollten nicht dabei sein, wenn die Kuh gedeckt wird.

Zu den Sommerfreuden gehörte das Schwimmen im Main. Zusammen mit der Gräfin Beißel - eine frühere Schauspielerin, die den Novizen in Banz Sprechunterricht gab (ihr Mann war Gutsverwalter) - und den beiden großen Bernhardinern überquerten sie den Main bei Hausen. Auf der anderen Seite stürzten sie sich in die Fluten; "die Klosterbrüder waren in gebührendem Abstand auch dabei".

Musik an den Sommerabenden

Eine Tochter des Mesner-Hauses, Marie Hetzel, war ehrenamtliche Organistin geworden. "Sie hatte das absolute Gehör", sagt Berta Dennerlein. "Mit ihr musizierten wir auf den Flöten. Pater Weber unterstützte uns dabei." An manchem lauen Sommerabend trafen sie sich auf der Maintalterrasse des Klosters zum Musikmachen.

Das Grab des letzten Abts von Banz, Gallus Dennerlein, dessen Porträt im Elternhaus neben dem Kamin hing, besuchten die Kinder in der Gruft der Stiftskirche. "Eine direkte Verwandtschaft zu ihm ist leider nicht klargelegt", sagt Berta Dennerlein.

Später, in den 1950ern, als Berta Dennerlein schon als Handarbeits- und Hauswirtschaftslehrerin unterrichtete, fuhr sie mit Jugendgruppen aus Erlangen und Langenzenn auf Fahrrädern nach Banz. Zuletzt besuchte sie Banz vor zehn Jahren. Am 1. Mai reiste sie mit ihrer Schwester Hildegard dorthin, um "überall herumzulaufen, wo wir früher gewesen sind". Eine freundliche Mitarbeiterin der Hanns-Seidel-Stiftung ließ sie herein. "Wir bekamen den Generalschlüssel und durften überall rein. Das war sagenhaft, dieses Vertrauen", freut sie sich. "Wir kannten ja aus der Kindheit all diese Räume, in denen sich damals das Lazarett und das Flüchtlings-Altersheim befanden."

Im Kaisersaal, sagt Berta Dennerlein, sei sie um 1943 erstmals gewesen. Der Saal wurde zu jener Zeit als Kino für die Soldaten des Lazaretts genutzt. "Wir sahen den Film Ohm Krüger, und ich fürchtete mich sehr, weil der Kopf auf der Leinwand so riesig war."

Tricksen am Ende der Ferien half nicht

Wenn die Ferien in Banz zu Ende gingen, wollten die Kinder stets nicht nach Hause zurück. "Aber wie konnten wir das verhindern? Einmal schlugen wir uns den Bauch voll Obst und tranken danach viel Wasser, um Durchmarsch zu kriegen und nicht heim zu müssen - aber das klappte leider nicht."

Immer wenn die 85-Jährige an die Ferien in Banz denkt, ist sie von großer Dankbarkeit erfüllt: "Es war eine schöne Zeit, die uns die Familie Hetzel ermöglichte." Zu Anna Hetzel (verheiratete Hübner), die vor 80 Jahren den Kontakt zu Banz herstellte, hatte Berta Dennerlein bis zuletzt ein herzliches Verhältnis. Anna ist am zweiten Adventssonntag im Alter von 91 Jahren in Eichstätt gestorben.