Bastian Sünkel In Rothenkirchen scheint es, als will eine Frau in den Bus einsteigen. Sie blickt nach links. Der Bus fährt rechts ran. Sie geht über die Straße. Der Busfahrer und der Reporter bleiben allein. Das ist kein ungewohntes Bild für Andreas Mehlig, der am Steuer sitzt. Jeden Tag sammelt er eine Pendlerin in Tettau ein, die in Pressig aussteigt, um mit dem Zug weiter nach Kronach auf die Arbeit zu fahren. Am Abend fährt sie mit der Bahn nach Steinbach und lässt sich abholen. Sonst fährt kaum jemand mit.

Andreas Mehlig, 57, ist ein Vollblutbusfahrer. Er ist freundlich, redselig ohne zu tratschen, hat 39 Jahre Berufserfahrung. Dementsprechend sicher fährt er. Er sagt: "Ich bin ein Mensch, der Arbeit braucht und mit Liebe auf die Arbeit geht." Bis März, bis zum Ausbruch der Pandemie in Deutschland, war er mit seinem Reisebus in der ganzen Welt unterwegs. Paris, Barcelona, Rom, Nordkap, sogar bis Istanbul und Ankara ist er gekommen.

"Rauf und runter"

Dann hat sein Erfurter Arbeitgeber Kurzarbeit an- und die Busse abgemeldet. Er hat sich beim Busunternehmen Martin in Pressig beworben. Jetzt fährt Busfahrer Mehlig auf der Linie 6 hinauf nach Tettau und hinunter nach Pressig. "Rauf und runter", sagt er. Er grüßt einen Bekannten in Langenau: "Und täglich grüßt das Murmeltier." Doch Fahrgäste: Hat er bislang kaum.

Mit dem neuen Verkehrskonzept fährt die Flotte von 21 Linienbussen und 16 Kleinbussen öfter, länger und günstiger. Der Rufbus holt Passagiere auf dem Dorf ab. Die Mobilitätszentrale koordiniert und berät die Fahrgäste vom Bahnhof Kronach aus. Eine großangelegte Testphase und Werbeaktion läuft seit dem 1. August: freie Fahrt mit dem Tagesticket quer durch den Landkreis bis zum 7. September. "Das Gesicht des Landkreises wird sich verändern", hat Landrat Klaus Löffler bei der Eröffnung der Zentrale erklärt.

Warum steigt niemand ein?

Zweifellos ein Mammutprojekt, das seinen Preis hat. Der Landkreis wird in den nächsten zehn Jahren insgesamt 60 Millionen Euro in das neue Mobilitätskonzept investieren. Mit rund 200 000 Euro mehr an Ausgaben für den Nahverkehr rechnet das Landratsamt pro Jahr. Zahlt sich das Risiko aus?

Stoisch zählt die digitale Frauenstimme die Haltestellen auf: Langenau - Kehlbach Grünwiesen - Buchbach Ortsmitte. Einmal öffnet Mehlig tatsächlich die Tür. "Damit sich das System wieder organisieren kann." Auf dem Weg nach Kleintettau fährt er an leeren Haltestellen vorbei, hinunter nach Pressig das gleiche Bild. Es ist 8.30 Uhr bei der Abfahrt am Bahnhof in Pressig, 9.45 Uhr bei der Rückkehr. Doch gejammert wird nicht.

Begeistert spricht der Busfahrer von der neuen Flotte: "Das Modernste, was auf dem Markt ist!" Er findet es gut, dass der Landkreis neue Wege im Nahverkehr geht - und er ist auch überzeugt, dass es besser werden kann. Doch warum steigt kaum jemand ein? Falsche Uhrzeit? Sommerferien? Berührungsängste? Die Fixierung aufs Auto, weil es noch schneller und ohne Umwege von A nach B fährt? Sind die Menschen zu bequem?

Es gibt mehrere Gründe - zumindest auf Linie 6. Andreas Mehlig berichtet von Rentnern, die ihn an der Haltestelle fragen, ob er nach Kronach fährt. Nein, bis Pressig. Dann geht es weiter mit dem Zug. Nicht nur einmal sind die Senioren umgedreht und zurück nach Hause gegangen, berichtet er. "Viele haben Angst vor dem Zug." Die Bahn ist Neuland. Der Bus ist vertraut. Auf der Fahrt von Pressig nach Kronach wartet der Fahrgast zwischen fünf und 30 Minuten auf den Bahn-Anschluss.

Die Fahrpläne sind für die potenziellen Passagiere nicht leicht zu verstehen. Da fehle es einerseits an der medialen Vermittlung, sagt Andreas Mehlig und meint damit auch die Zeitungen und das Radio. Andererseits ist gerade auf den Umstiegslinien 6 und 7 der Fahrplan komplex, den die Nahverkehrsberatung Südwest entworfen hat. Zum Beispiel fährt der Bus auf dieser einen Tour viermal an der Firma Gerresheimer vorbei. Zweimal hoch zum Tettauer Marktplatz, zweimal hinunter. Das sei Verschwendung und ließe sich recht einfach berichtigen, sagt der Busfahrer. Wenn das Absetzen der einen gleichzeitig das Einsteigen der anderen Passagiere bedeute.

Er und seine Kollegen, die jahrzehntelang Linienbus fahren, haben Verbesserungen vorgeschlagen: Eine Rundtour mit zwei Bussen in entgegengesetzte Richtungen, die die Linien 6 und 7 verbindet, ist eine davon. Pressig, Tettau, Steinbach, Pressig - und natürlich alle Zwischenstopps. Am Bahnhof Pressig warten dann zwei Busse, die weiter nach Kronach fahren. Das würde auch Rollstuhlfahrern helfen. Über die Rampe kommen sie zwar problemlos in die barrierefreien Busse - doch am Bahnhof ist Schluss. Treppen verhindern das Umsteigen.

Ein neuer Vorschlag

Fahren die Busse zu oft? "Zu manchen Uhrzeiten fährt niemand mit, das wissen vor allem die langjährigen Busfahrer." Doch die hat niemand gefragt, als der Fahrplan konzipiert wurde. "Drei Rundläufe braucht es am Tag", sagt der Busfahrer. "Früh, mittags, abends."

Auf einer "großen Runde" - so nennt er seinen Arbeitstag von 6 bis 19 Uhr - lenkt der Fahrer den normalerweise leeren Diesel-Bus 353 Kilometer durch den Landkreis. Siebenmal nach Tettau, einmal nach Nurn, achtmal nach Pressig. Mehlig ist sich dennoch sicher, dass es besser werden kann. "Wir haben die besten Busse und hochqualifizierte Fahrer." Der Rest muss organisiert werden.

Meine Fahrt von Kronach nach Kleintettau dauert exakt eine Stunde und 17 Minuten. Der Rückweg, wegen der verkürzten Wartezeit auf die Bahn: 54 Minuten.