von unserem Redaktionsmitglied 
Andreas Lösch

Ebern — So richtig wohlfühlen kann man sich in einem Seniorenheim wohl kaum. Das ist zumindest die Vorstellung vieler Menschen, und mal ehrlich: Der Gedanke daran, eines Tages im Altenheim zu landen, der ist schon bedrückend.
Jetzt könnte man klagen, das Alter verfluchen und den Gedanken daran von sich schieben. Oder sich mit dem Thema auseinandersetzen und so Akzeptanz dafür schaffen, was nicht zu ändern ist. Nämlich, dass man alt und grau wird. Vielleicht dement und auch gebrechlich. Duselig gar, ach ja, und warum auch nicht: liebenswert.

Körperlich eingeschränkt

Um das Thema aus nächster Nähe betrachten zu können, lohnt es sich, einmal in ein Seniorenheim zu schauen. Denn da gibt es eben recht viele alte Frauen und Männer. Und jüngere Frauen und Männer, die sich um sie kümmern.
Oder Menschen wie Babette Reinwand. Die 75-Jährige wohnt seit fünf Jahren im Seniorenzentrum St. Elisabeth in Ebern. Einige ihrer Mitbewohner sind in ihrer Lebensweise körperlich und geistig weit mehr eingeschränkt als sie.
So sieht es Reinwand als eine Selbstverständlichkeit, sich um die anderen Senioren ein wenig mitzukümmern. "Und wenn man ihnen nur ein Lachen schenkt", sagt die 75-Jährige und setzt dabei ein Lächeln auf, das dem Gesprächspartner irgendwie klar macht: Schau her, ich bin alt, das Laufen fällt mir schwer, aber das Fröhlichsein nicht so sehr.

Lachen hilft

Ute Engel, die Leiterin des Seniorenzentrums, sieht die Ernsthaftigkeit des Themas, gleichwohl aber auch die Notwendigkeit, in der Arbeit wie im alltäglichen Leben nicht verkrampft an die Sache heranzugehen: "Man muss auch mal lachen können", sagt die 51-Jährige. Und erzählt die Geschichte eines Bekannten, der dement ist, aber offensichtlich noch Spaß am Leben hat und auch seine Mitmenschen, die sich um ihn kümmern, bestens unterhält.
Als er im Garten eines Anwesens eine Zeitlang die dort wohnende Schildkröte betrachtet hatte, sagte er plötzlich seinen Begleitern zugewandt: "Sie spricht verhältnismäßig wenig." Was bliebe einem da anderes, als herzhaft zu lachen?, fragt Engel.

Altwerden ist nicht toll

Altwerden bedeutet auch, das Beste draus zu machen. "Altwerden ist nicht unbedingt toll. Altwerden ist auch mit Einschränkungen verbunden", sagt sie. Man könne allerdings lernen, damit umzugehen. Sie zitiert Rainer Maria Rilke, der Dichter habe dies einmal schön zum Ausdruck gebracht:
"Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn."

Etwa 90 Prozent der Bewohner im St. Elisabeth leiden an einer Form der Demenz, bei manchen steht die Krankheit erst am Anfang, andere wiederum sind kaum mehr sie selbst. Johanna Andres, eine Geronto-Fachkraft in dem Seniorenzentrum ("Geronto" kommt vom griechischen "géron" und bedeutet "der Greis"), versucht täglich, diesen Männern und Frauen Aufmerksamkeit zu schenken, sie gezielt ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen entsprechend zu beschäftigen. Die 57-Jährige überlegt sich für jeden Tag ein Programm und will den Bewohnern des Seniorenheims dadurch Stabilität im Alltag geben.

Fußball als Therapiemittel

Besondere Anlässe wie etwa heuer die Fußball-Weltmeisterschaft werden genutzt, um die Senioren am "ganz normalen" Leben teilhaben zu lassen: Public Viewing im Altenheim. Bei der Dekoration habe man die anderen drei Weltmeisterschaften, die Deutschland gewann, gezielt hervorgehoben, sagt Andres. Insbesondere der Titelgewinn 1954 und auch der von 1974 wurden besonders gewürdigt, da viele Bewohner die Erinnerungen an diese Sportereignisse noch gut im Gedächtnis hätten.

Spiele werden diskutiert

Fußball verbindet eben auch ältere Menschen: Nach einem Deutschlandspiel gab es am nächsten Tag beim Frühstück kaum ein anderes Diskussionsthema, erinnert sich Andres und lacht. "Es ist eine richtig schöne Gemeinschaft geworden dadurch", sagt sie. Ziel sei es, den Bewohnern ein gewohntes Umfeld zu bieten, sie zusammenzubringen und ihnen den Eindruck zu vermitteln, dass sie sich hier zuhause fühlen können - so familiär wie möglich. Andres macht das mit Hingabe. Sie ist seit 14 Jahren in Ebern als Geronto-Fachkraft, den Beruf der Altenpflegerin hat sie schon vor über 20 Jahren erlernt. "Stress habe ich bestimmt ab und zu. Ich bin aber sehr positiv eingestellt zu meiner Arbeit", erklärt sie. "Ich mache es sehr gern."

Mitbestimmen in der Küche

Zu einem nicht geringen Teil beteiligt am Glück der Senioren im Eberner Pflegeheim ist Barbara Deubling: Sie bereitet das Essen zu. Rund 75 Portionen pro Mahlzeit sind das - für 68 Bewohner und einige Nicht-Bewohner, die nach Anmeldung mitessen. Es gibt Frühstück, Mittagessen (zwei Menüs zur Auswahl), Kaffee und Kuchen sowie Abendessen. Und: Die Bewohner dürfen mitentscheiden, was es gibt. Einmal im Monat setzt sich der Heimbeirat mit dem Küchenpersonal zusammen und bespricht, wie der Speiseplan möglichst aussehen soll.
Ute Engel ist froh, dass sie ein eingespieltes Team hat. Auch, wenn einmal etwas nicht rund läuft, wird das angesprochen und nach einer Lösung gesucht. Die meisten Heimbewohner seien da ziemlich direkt, sagt sie und lacht. "Die sagen schon ihr Zeug."

Viel Arbeit

Zwölf Altenpflegerinnen und einen Altenpfleger haben Ute Engel und ihre Pflegedienstleiterin Karina Scholz zur Verfügung. Hinzu kommen sechs Mitarbeiter in der Küche, fünf in der Waschküche, eine halbe Stelle in der Verwaltung und ein Hausmeister. Im Pflegebereich stoßen Mitarbeiter schon mal an ihre Grenzen, denn es steht täglich sehr viel Arbeit an. So ist zum Beispiel die Dokumentationspflicht bis ins letzte Detail ist sehr zeitaufwendig. Das ist alles Zeit, die nicht den Bewohnern zu Gute kommt. Und: "Papier ist geduldig, man kann ja alles abhaken. Das halte ich für problematisch," sagt Engel. Lieber sollten Prüfstellen in der Praxis genauer hinschauen und etwa mit den Senioren sprechen.
Engel und Scholz sind froh, dass rund 30 Männer und Frauen ehrenamtlich regelmäßig das Seniorenzentrum besuchen und sich mit den Bewohnern beschäftigen. Auch der Kontakt zur Stadt Ebern sei gut, mit dem neuen Bürgermeister Jürgen Hennemann und der Seniorenbeauftragten Isabell Kuhn habe man bereits ergiebige Gespräche geführt.