Die kleine Sophia kam mit nicht einmal 300 Gramm auf die Welt. (Siehe Seite 3) Prof. Dr. Christoph Härtel erläutert im Interview, wie schwierig es allein aufgrund der Zartheit der Kleinen ist, sie medizinisch zu versorgen. Dennoch: Weit über 80 Prozent der Frühgeborenen unter 1000 Gramm überleben.

270 Gramm Geburtsgewicht: Wie geht das? Wie kann ein Kind mit diesem Gewicht überleben?

Christoph Härtel: Das Gewicht ist tatsächlich sehr gering. Es gibt in Deutschland ein Register des Deutschen Frühgeborenen Netzwerks, in dem schwer untergewichtige Kinder erfasst werden und man muss generell sagen, dass das eine Seltenheit ist. Aber das Überleben eines Frühgeborenen hängt nicht nur vom Gewicht ab, sondern auch vom Reifegrad des Kindes, also vom Schwangerschaftsalter und deswegen ist es so, dass in großen Perinatalzentren (Anmerkung der Redaktion: multidisziplinäre Einrichtung rund um die Geburt), die auf Hochleistungsniveau Extrem-Frühgeborene betreuen, solche Kinder versorgt werden können und tatsächlich auch Chancen haben.

Die Grenze der Lebensfähigkeit liegt nach unseren Informationen zwischen der 22. bis 24. Schwangerschaftswoche und bei einem Geburtsgewicht von unter 500 Gramm sollen schlechte Überlebenschancen bestehen (bei 20 -30 Prozent), unabhängig von der Reife - wie groß waren Sophias Überlebenschancen als sie auf die Welt gekommen ist?

Die Reife spielt schon eine Rolle. Wesentliche Einflussfaktoren für das Überleben sind neben dem Geburtsgewicht in erster Linie das Schwangerschaftsalter, das heißt die Grenze der Überlebensfähigkeit, der sogenannte Graubereich, ist bei der 22.-23. Schwangerschaftswoche (SSW). Da muss man davon ausgehen, dass man schwer vorhersagen kann, ob ein Kind in diesem Schwangerschaftsalter überleben kann. In Deutschland versorgen und unterstützen die meisten sogenannten Level 1 Perinatalzentren die Kinder ab der 23. SSW aktiv, wenn sie Lebensbestrebungen haben. In der 22. SSW werden das nicht alle Zentren aktiv tun, sondern nur die, die enorme Erfahrungen haben mit Kindern, die so unreif sind. Die Überlebenschancen für Kinder in der 23. SSW liegen normalerweise bei etwa 30 Prozent, in den Level 1 Zentren aber bei 60 bis 70 Prozent. Bei der gesamten Gruppe der Kinder mit einem Gewicht von unter 1000 Gramm überleben in Deutschland knapp 90 Prozent. Deswegen kann es sein, dass ein Kind in der 25. SSW davon profitiert, dass es per Kaiserschnitt geholt wird, wenn die Funktion des Mutterkuchens im Mutterleib extrem eingeschränkt ist, wie es bei Sophia der Fall war. Aber natürlich ist ein Geburtsgewicht von 270 Gramm eine absolute Hochrisiko-Situation. Man klärt die Eltern bei der Geburt sehr einfühlsam, aber auch realistisch auf, dass die Überlebenschancen für so ein Kind rein statistisch deutlich unter 50 Prozent liegen. Das Schwangerschaftsalter ist hier der hauptausschlaggebende Faktor; ein sehr niedriges Gewicht ist ein zusätzlicher Risikofaktor. In dem Schwangerschaftsalter 25. SSW, in dem Sophia geboren ist, würde man von einem Normalgewicht von 600 bis 700 Gramm ausgehen. Im Mutterleib wäre es ihr eben auch nicht mehr lange gut gegangen, die Versorgung war schon auf einem minimalen Niveau. Um dem Kind überhaupt eine Chance zu geben, hat man sich daher für einen Kaiserschnitt entschieden.

Was sind dabei die größten medizinischen Herausforderungen?

Das ist die Unreife der Lunge, die unterstützt werden muss durch entweder Maskenbeatmung, das heißt das Kind atmet selbst und bekommt eine Druckunterstützung oder wenn es eine Pause vom Atmen braucht, wird es mit einem Beatmungsgerät über die Luftröhre beatmet. Zweite Herausforderung ist die Ernährung: das Kind schluckt zwar im Mutterleib Fruchtwasser, aber im Fall von Sophia war auch der Darm ein Hochrisiko-Organ, aufgrund der Mangelversorgung der Organe durch den Mutterkuchen. Trotzdem hat sie Nahrung zögerlich aufgenommen, aber gut vertragen. Die Herausforderung bis zu diesem Zeitpunkt ist, Katheter in extrem kleine Venen zu legen. Überhaupt, die Kleinheit in den anatomischen Verhältnissen ist herausfordernd. Außerdem kann die Notwendigkeit, das Kind mit Sauerstoff zu versorgen, eine Gefahr für die unreifen Augen darstellen. Ein anderes Problem ist das Infektionsrisiko aufgrund der Zartheit der Haut und der Schleimhäute.

Haben Sie geglaubt, dass das Kind bis jetzt (November) durch kommt?

Ja. Ich vertraue den Kindern - die Kinder geben den Weg vor und wir unterstützen mit unseren Maßnahmen und versuchen diese jeden Tag gut abzuwägen. Die Kinder zeigen häufig den Lebenswillen und bei Sophia habe ich auch darauf vertraut, dass sie das schafft.

Das leichteste je überlebende Frühchen war angeblich 245 Gramm schwer. Kann bei Sophia von einer medizinischen Sensation gesprochen werden?

Nein. Ich scheue mich absolut vor solchen Begriffen, das hat in der hochsensiblen Medizin keine Bedeutung. Ich weiß auch nicht, ob das wirklich das leichteste überlebende Kind ist, aber ich will so etwas nie in der Zeitung lesen wollen, Kinderklinik XY hat jetzt einen neuen Rekord gebrochen. Es gibt diese extrem zarten Kinder, die ein sehr hohes Risiko haben, es tatsächlich auch nicht zu schaffen. Aber von einer medizinischen Sensation würde ich nicht reden, denn das sind genau die Kinder, die von hochspezialisierten Pflegekräften und Ärztinnen und Ärzten gut betreut werden können. Die Kinder haben dann eine Chance, wenn sie eben in hochspezialisierten Zentren versorgt werden.

Hatten Sie in Würzburg oder deutschlandweit schon so ein leichtes (und frühes) Kind?

Ja, auch knapp unter 300 Gramm Geburtsgewicht. Das ist selten, aber das gibt es auch in anderen großen Zentren.

Wie ist die Überlebensrate Ihrer Erfahrung nach? Wieviel Prozent der extrem kleinen Frühgeborenen (unter 1000 Gramm) überleben?

In Deutschland überleben 88 Prozent der extrem kleinen Frühgeborenen. Das ist erfreulich und man muss selbst medizinischen Fachkräften klar machen, dass extrem Frühgeborene eben auch eine Chance verdienen. Weil sie mit den heutigen medizinischen Möglichkeiten sehr gute Überlebenschancen haben.

Was waren die Ursachen für die Frühgeburt?

Die abfallenden Herztöne waren der springende Punkt, aber entscheidend war die extreme Unterversorgung durch den Mutterkuchen im Mutterleib. Dadurch ist sie nicht mehr gewachsen. Man kann sich das vorstellen, wie wenn der Organismus quasi ohne Benzin fährt. Dann richtet die Natur es so ein, dass nur noch die lebenswichtigen Organe versorgt werden, nämlich das Gehirn und das Herz. Wenn dann das Herz auch nicht mehr richtig versorgt werden kann, fallen die Herztöne ab und dann muss rasch gehandelt werden.

Wie verlief die Geburt?

90 Prozent der Kinder unter 1000 Gramm kommen per Kaiserschnitt auf die Welt, so auch bei Sophia, weil es meistens relativ planbare Geburten sind. Eine Geburt auf natürlichem Wege ist eher selten. Bei Sophia war es ein eiliger Kaiserschnitt.

Wie wurde Sophia seit der Geburt versorgt?

Sie ist lange auf Intensivstation gewesen, jetzt ist sie seit Kurzem auf einer Station, die sie auf die Entlassung vorbereitet. Sie war in einem Inkubator (Anm. d. Red.: Brutkasten) der für Wärme und bis zu 90 Prozent Luftfeuchtigkeit sorgt. Denn die Haut der Frühgeborenen ist papierdünn und verliert sehr viel Flüssigkeit. Weitere Versorgungen sind Atemunterstützung, Gefäßkatheter und eine Magensonde über die sie die Muttermilch bekommen, da sie am Anfang noch nicht die Kraft haben selber zu saugen.

Wie war ihre Entwicklung bis jetzt?

Sehr erfreulich unter diesen Umständen. Sie hatte das ein oder andere Mal einen Rückfall, vor allem, weil ihre Lungenfunktion sehr geprägt ist von der eingeschränkten Versorgung im Mutterleib. Das macht sie höchst empfindlich gegenüber Infekten. Aber sie hat sich gut erholt und kann jetzt langsam auf die Entlassung vorbereitet werden.

Und wann mit nach Hause genommen werden?

Das steht noch nicht fest, das ist noch zu früh, da sie noch Atemunterstützung hat.

Wie ist Ihre Prognose für Sophia?

Jetzt ist es eine ganz andere Situation als unmittelbar nach der Geburt. Sie hat jetzt ein ganz anderes Gewicht, hat es innerhalb von drei Monaten mehr als verzehnfacht. Das heißt ihre Überlebenschancen sind jetzt deutlich, deutlich höher. Aber sie hat natürlich mögliche Risiken und Probleme, die die Lunge betreffen. Die Lunge ist nach wie vor höchst anfällig, sie hat eine chronische Lungenerkrankung, wo man sehr gut nachsorgen muss .

Muss mit Spätfolgen gerechnet werden? Mit welchen?

Die chronische Lungenerkrankung sind mögliche Spätfolgen. Genauso kann man eine Beeinträchtigung des Nervensystems nicht komplett ausschließen. Wenn Eltern sich gut kümmern, haben diese Kinder eine extrem hohe Lebensqualität, die sich nicht unterscheidet von reifen Kindern. Aber man darf auch nicht die Augen davor verschließen, dass die Extrem-Frühgeburtlichkeit und die Unterversorgung im Mutterleib mit langfristigen Risiken für mehrere Organsysteme einhergehen kann. Deswegen untersuchen wir die Kinder im Alter von fünf Jahren nach und wissen dann auch, wo die Risiken sind.

Wann kann die Familie aufatmen?

Ich würde davon ausgehen, dass sie deutlich bessere Überlebenschancen hat. Ich würde nie eine Garantie dafür geben und sage den Eltern auch ganz offen, dass Extrem-Frühgeborene ein anhaltendes Risiko haben. Aber es ist jetzt eine ganz andere Situation im Vergleich zu unmittelbar nach der Geburt. Wir versuchen den Eltern einen positiven Ausblick zu geben.

Kann sie dieses Jahr noch nach Hause?

Das hoffen wir. Das wäre ein schönes Weihnachtsgeschenk.

Das Gespräch führte Angelika Despang. Foto: Daniel Peter