Charlotte Wittnebel-Schmitz

Morgens ist es warm und gemütlich im Bett, draußen dunkel und kalt. Dennoch macht sich Petra Eichholz um kurz vor sieben Uhr auf den Weg zur Hauptstraße. Ein bisschen Überwindung kostet sie das schon. Sie stellt sich an die Ampel neben der Henneberg-Apotheke mitten im Ortskern. Sobald die ersten Grundschulkinder auf sie zukommen, ihr winken oder sie mit "hallo Petra" begrüßen, hat sie das warme Bett schnell vergessen.

Egal welches Wetter, Petra sorgt dafür, dass Autofahrer auf die Kinder aufmerksam werden und die Kinder erst über die Straße laufen, wenn grün und die Straße frei ist.

Links schauen, rechts schauen

Eichholz betritt vor den Kindern die Straße. Manche Erstklässler müssen das erst lernen. Eichholz verlässt die Straße erst, wenn alle Kinder sicher auf dem Gehsteig angekommen sind. Ungeduldige Autofahrer treten trotzdem manchmal bei Grün sofort aufs Gas. "Eines Tages fahren sie mir noch die Ferse ab", sagt sie und lacht.

Links schauen, rechts schauen, links schauen - erst dann auf die Straße treten. Nicht sofort losrennen. Eine Regel, an die Eichholz die Erst- und Zweitklässler immer wieder erinnert, denn sie beobachtet, dass gerade im Winter mehr Autofahrer über Rot fahren. "Man müsste doch meinen, man sieht das grelle rote Licht im Winter, im Dunklen, besser als im Sommer." Wie die Kinder gekleidet sind, findet sie gut. Die Grundschüler tragen Schuhe, die blinken, und manchmal gelbleuchtende Dreieckskragen über der Jacke. An den Schultaschen sind Leuchtstreifen. Trotzdem falle es manchmal schwer, zu sehen, ob die Kinder auf den Gehsteigen bleiben. Die modernen Straßenlaternen findet Eichholz etwas zu dunkel. Laufen die Grundschüler statt auf dem Gehsteig doch einmal auf der Straße, dann ruft sie laut. Hören die Kinder nicht, spricht Eichholz sie am nächsten Tag an.

"Eltern können ihre Kleinen mit einem ruhigen Gewissen auf den Schulweg schicken. Petra ist da und passt auf unsere Kleinen auf", findet Renate Fischer, die der Redaktion Petra Eichholz als stille Heldin vorschlug. "Sie denkt immer ein Stück weiter und begleitet die Schülerinnen und Schüler nicht nur sicher über die Straße." Während einer Baustelle an der Hauptstraße achte sie stets darauf, dass die Kinder den zwar etwas längeren, aber sicheren Weg über den Kindergarten nehmen, um die weiter vorne liegende Baustelle nicht passieren zu müssen.

Von den Kindern käme nie ein böses Wort. Aber sie ärgert sich über Erwachsene, die vor den Kindern bei Rot oder quer über die Straße laufen. "Ich spreche sie dann an. Zurück kommt eine pampige Antwort. Diese Leute machen mir zu schaffen."

Neustart vor vier Jahren

Ihren ersten Versuch als Schülerlotsin machte die gebürtige Nüdlingerin, als ihre Kinder selbst noch in die Schule gingen. Das ist lange her, ihre Kinder sind mittlerweile 31 und 33 Jahre alt. Vor vier Jahren fing sie dann wieder an. Davor hatten Achtklässler den Schülerlotsendienst übernommen. Seit der Verlegung der Mittelschule nach Münnerstadt gibt es in Nüdlingen nur noch eine Grundschule - und kaum noch Schüler, die sich beteiligen.

Nie langweilig

Momentan sind es zwei Schüler, die in Münnerstadt zur Schule gehen, und in der Früh helfen. Seit zwei Jahren hilft Elfriede Katzenberger regelmäßig mit. Auch Wolfgang Wilm springt manchmal ein. "Ich mache das nicht allein", bekräftigt Eichholz immer wieder. Sie ist etwas traurig darüber, dass nur ein paar Menschen mithelfen. Auf einen Aufruf in den Nüdlinger Nachrichten habe sich niemand gemeldet. Auch Appelle von Lehrern an Eltern und Schüler seien wohl verhallt.

Petra Eichholz hilft ehrenamtlich manchmal bei der Nüdlinger Feuerwehr und im Heimatmuseum. Sie wandert sehr gerne und nimmt begeistert an Vierzehnheiligen-Wallfahrten teil. Im Moment begnügt sie sich mit Spaziergängen im Wald.

Die 62-Jährige will als Schülerlotsin so lange weitermachen, wie es gesundheitlich geht und es ihr Freude macht. "Es wird nicht langweilig. Mit Kindern macht es mir immer Spaß", sagt sie. "Von den Kindern kommt sehr viel zurück." Das baue auf - gerade in Coronazeiten.