Kronach —  Die Geburtstagsfeier eines Schulmädchens in einer Gemeinde im Landkreis Kronach wird aufgrund von sich überschlagenden Ereignissen, sicherlich nicht dem Kind, sondern drei der Familienangehörigen in Erinnerung bleiben. Aufgearbeitet wurden diese vom September vergangenen Jahres nun vor dem Kronacher Amtsgericht. Wegen gemeinsamer gefährlicher Körperverletzung an einem Mann, ebenfalls aus dem Landkreis, musste sich der 46-jährige Vater und dessen beiden 23- und 26-jährigen Söhne vor Strafrichter Christoph Lehmann verantworten.

Die Familiencrew soll damals zwischen dem Markt- und dem Kirchplatz des Dorfes dem jungen Erwachsenen am helllichten Tag gegen 17 Uhr mit einigen Fausthieben ins Gesicht geschlagen haben. Das Opfer wurde vom Trio mit Klammergriffen kampfunfähig festgehalten, dann wurde Rache in Selbstjustizmanier betrieben.

Vorausgegangen sein soll, dass der Verprügelte vorher dem 23-jährigen Angeklagten hinterrücks auf den Kopf geschlagen haben soll. Kein Interesse an der Strafverfolgung bewies der Geschädigte, der trotz Ladung nicht zum Prozess erschienen war. Der Richter kritisierte die Angeklagten dennoch: "Wohin soll das führen, wenn jeder Bürger mutmaßliche Täter selbst bestraft." Zwei der Angeklagten, der Vater und der 23-jährige Sohn, wurden später zu Geldstrafen von 450 und 1125 Euro wegen vorsätzlicher Körperverletzung verurteilt. Der 26-jährige Sohn, dem die geringste Tatbeteilungen zugeschrieben wurde, muss 100 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung bezahlen.

Komplexe und verwirrende Geschichten hinsichtlich der Tatgründe erzählten die drei Angeklagten während ihrer Vernehmung im Gerichtssaal. Der Vater informierte dass sie während der Kinderfeier mit Kaffee und Kuchen und Bier von ihrem Jüngsten, dem 23-Jährigen, mit flehenden Hilferufen angerufen wurden. Der habe erzählte, dass er von dem später Geschädigten hinterrücks überfallen und auf dem Kopf geschlagen wurde. Sofort habe er sich mit seinem Sohn, dem 26-Jährigen, auf den Weg gemacht und habe nach dem Täter gesucht und ihn später aufgespürt.

Faustschläge ins Gesicht

"Ich hatte schon fünf bis sechs Bier getrunken", gestand der Vater. Sein geschädigter Sohn sei bis zu ihren Eintreffen ebenfalls täterfündig geworden. Die Söhne hätten mit dem Ex-Angreifer gerangelt. Als der am Boden lag, habe sein Jüngster zugeschlagen und ihm zwei, drei Faustschläge ins Gesicht verpasst. Der Vater gestand: "Ich habe ihm auch zwei bis drei eingeschenkt."

Lange benötigte der Richter, bis er die Hintergründe für das Missfallen des Geschädigten bei dem Trio herausbekam. Der 23-jährige erzählte: Seit drei Tagen sei er mit dessen Ex-Freundin befreundet gewesen, was seinem Vorgänger wohl nicht gefiel. Deshalb habe er von diesem an dem Tattag den Schlag auf den Kopf gekriegt. Der Richter schimpfte: "Man(n) kann doch ein Mädchen auch erobern und behalten, ohne zuzuschlagen."

Seine Unschuld beteuerte der 26-jährige Sohn. So habe er den Geschädigten beim Übergriff nur festgehalten und ihn dann gemeinsam mit seinen Familienangehörigen auf die Hauptstraße geschleppt, wo man ihn der Polizei übergeben wollte, die später eintreffen sollte, die man selbst aber nicht alarmiert hatte. Seinen Vater charakterisierte er: "Der sieht rot, wenn es um seine Kinder geht". Seinen Bruder: "Der war in Rage".

Ein unbeteiligter Augenzeuge und Bekannter des Geschädigten erklärte, dass er ebenfalls von dem 23-Jährigen einen Schlag auf dem Kopf bekommen habe, als dieser nach dem mutmaßlichen Täter fahndete. Der habe sich später bei ihm dafür entschuldigt. "Macht nichts, ist doch kein Thema."

Zuschauer am Tatort

Beobachtet habe er später, dass das Familientrio auf den Gejagten eingedroschen habe. Viele Leute im Dorf hätten zugeschaut. Irgendwann seien der Rettungswagen und die Polizei eingetroffen. Der Zeuge, der im neonfarbenen Jogginganzug im Gerichtssaal erschienen war, wurde vom Richter beanstandet: "Nächstes Mal ziehen Sie sich etwas Anständiges an. Wir sind hier nicht im Sportstudio, oder sehen Sie Hantelbänke um mich herum?"

Nach weiteren Zeugenvernehmungen und der Recherche nach dem ausgebliebenen Opfer durch den Richter stellte der das mögliche Urteil in Aussicht: Es sei nicht nachvollziehbar, dass die Angeklagten gemeinschaftlich gehandelt hätten. Der Verdacht der gefährlichen Körperverletzung gegen die Angeklagten könne nicht aufrechterhalten werden. Er schlug die später verhängten Strafen vor, die Staatsanwaltschaft stimmte weitgehend zu.

Die drei Verteidiger wollten niedrigere Geldstrafen. Anwalt Stefan Walder, der den 23-jährigen Haupttäter vertrat: "Es war eine klassische Beziehungstat." Sein Mandant habe sich nicht im Griff gehabt. Der Geschädigte jedoch habe durch seine Abwesenheit im Gerichtssaal bewiesen, dass er kein Interesse an der Strafverfolgung habe.