Höchstadt — Eine Aufführung eher seltener Art erlebten die Besucher des Melodrams "Die kleine Meerjungfrau" nach Hans Christian Andersen. Vor vollem Haus beantwortete Dekan Kilian Kemmer zu Beginn die Frage, warum ein Märchen in einer Kirche aufgeführt wird. "Die einen werden sagen, hier wird nie etwas anderes als Märchen erzählt. Doch in Wirklichkeit kommt auch die Wahrheit des Glaubens nicht ohne Bilder und Gleichnisse in Text und Musik aus, daran hat sich jeder Kirchenraum seit Jahrzehnten oder Jahrhunderten gewöhnt."
Und tatsächlich, die Assoziationen, die das Märchen in den Zuschauern und Zuhörern weckte, griffen zentrale Gedanken des Menschseins und des christlichen Glaubens in der würdigen Kulisse der Stadtpfarrkirche auf: die Seele als Markenzeichen des Menschen, die Unsterblichkeit der Seele, Liebe und Leid, Tod und Ewigkeit, Sehnsucht nach erfülltem Leben.

Text und Musik im Einklang

In bewundernswerter Weise sprach Alexandra Eyrich von der märchenpädagogischen Einrichtung "Vielfalt de luxe" in Bamberg den Text. Die Handlung konnte durch ihre stimmlichen wie rhetorischen Variationen gut nachvollzogen werden. Die Meerjungfrau sehnt sich nach dem Menschsein, nach Liebe und Treue mit einem irdischen Prinzen. Nur die Verbundenheit mit einem Menschen, die geschenkte Liebe und die empfangene Treue gewährleisten eine Unsterblichkeit der Seele. Trotz großer Mühen, Entbehrungen und Hoffnungen bleibt dieses Glück der Meerjungfrau versagt. Doch die guten Werke ihres Lebens, ihr Einsatz für das Leben und ihre echte Hingabe und Liebe verheißen ihr trotzdem eine ewige Existenz.
Die 90-minütige Aufführung blieben durch die Dynamik der Erzählkunst sowohl für die Kinder wie für die Erwachsenen kurzweilig. Der renommierte Musica Viva Chor aus Bamberg umrahmte das Textgeschehen musikalisch. Mit sprachlosen, gesummten Harmonien, mit stimmlichen Geräuschkulissen und mit den gesungenen Texten erzeugte der Chor eine Stimmung, die mehr als Untermalung oder Ergänzung bedeutete.
Der choreografisch einstudierte Standortwechsel des Chores umzingelte immer wieder das Publikum und bewegte die Gedanken der Zuhörer zum Wesentlichen. Gekonnt sowie authentisch und leidenschaftlich die Chorleitung von Ingrid Kasper, Kantorin der evangelischen Dekanatskirche St. Stephan in Bamberg.
An der Orgel saß der Komponist der Chorpassagen Heinrich Hartl. Der Kulturpreisträger ist von Geburt an blind und erzeugte durch sein professionelles Spiel und Einfühlungsvermögen ein hohes Maß an Sensibilität und musikalischer Emotion. An den Schluss setzte er ein von ihm vertontes Gedicht Hans Christian Andersens, welches die Gedanken der "kleinen Meerjungfrau" zusammenfasste: "Leb wohl auf ewig! .Gott stärke Dich, vergiss Deine Schmerzen, bewahr nur ihn in Deinem reinen Herzen!" LM