von unserem Mitarbeiter Thomas Hümmer

Wolfsdorf — Krasser hätten die Gegensätze nicht sein können, als der jetzt 17-jährige Juan Daniel Endara vor gut einem Jahr sein Austauschjahr in Deutschland antrat: Von der 2,2-Millionen-Hauptstadt Ecuadors, Quito, ins beschauliche fränkische 350-Seelen-Dorf Wolfsdorf. Morgen heißt es für Juan Abschied nehmen: von seiner Gastfamilie Stefan, Margarete, Paul und Felix Bornschlegel, den Großeltern Erwin und Barbara und von seinen liebgewonnenen Freunden.
Am Wochenende fand für "Schorschi", wie sie ihn in Wolfsdorf liebevoll nennen, eine Abschiedsparty statt. Das Fest war gleichzeitig eine Willkommensfeier für Felix Bornschlegel, der von seinem einjährigen Austauschjahr aus den USA heimkehrte.
Als Juan nach Wolfsdorf kam, kannte er genau zwei deutsche Wörter: "Hallo" und "Danke". Dementsprechend schwer tat er sich in der neuen Schule, dem Lichtenfelser Meranier-Gymnasium, Kontakte aufzubauen und dem Unterricht zu folgen. Der fränkische Dialekt bereitete ihm beim Deutschlernen so einiges an Kopfzerbrechen.
Mittlerweile spricht "Schorschi" gut Deutsch und hat auch schon typisch fränkische Wörter wie "freilich" in seinem Sprachschatz. Von seinem Gastland wusste Juan im Vorfeld nicht viel. Nur dass es in Deutschland viel Wurst und Bier gibt, und er hatte in der Schule von den beiden Weltkriegen erfahren.
Auf die Frage, wie sein Bild von Deutschland vor seiner Reise aussah, antwortet er: "Ich dachte, ich wohne in einer großen Stadt und nicht in so einem kleinen Dorf." Allerdings hat er in dem einen Jahr Wolfsdorf und seine Bewohner ins Herz geschlossen. "Hier kann ich mich frei bewegen, ohne Angst zu haben, überfallen zu werden. In Quito ist das nicht so einfach möglich, es herrscht dort eine hohe Kriminalität", sagt er.

"Es ist nicht so kalt wie hier"

Ja, und das Wetter sei in seiner Heimat beständiger. "Es ist nicht so kalt wie hier." Dementsprechend aus dem Häuschen war Juan, als er Ende des vergangenen Jahres zum ersten Mal Schnee in seinen Händen hielt und zum Schlittenfahren ging.
Juan hat in Wolfsdorf am meisten sein heimisches Brot vermisst, das mit unserem Weißbrot vergleichbar ist. Soßen gebe es in Ecuador nicht, deshalb habe er die meisten Speisen ohne Soßen gegessen. Zu den Unterschieden zwischen dem ecuadorianischen Schulsystem und unserem meint er: "Beide sind sehr gut, es komme jedoch auf die jeweilige Person an."

Am Ende kam das Heimweh

Anfangs war der Austauschschüler sehr mit den vielen neuen Eindrücken beschäftigt, so dass er kaum mit Heimweh zu kämpfen hatte. Je mehr sich jedoch der Tag seiner Rückreise näherte, umso mehr sehnte er sich nach Zuhause. In dem einen Jahr hat Juan Berlin, Köln, Düsseldorf, München, Münster und Hamburg besucht. Am besten hat ihm die Hansestadt mit der Elbe und ihren alten Gebäuden gefallen. Außerdem war er auch mit seinen Gasteltern in den Bergen oberhalb des Achensees unterwegs und übernachtete auf einer Hütte. Durch das Reisen ist der 17-Jährige auch viel selbstständiger geworden. In seiner Heimat sei das Verreisen nicht so einfach, da die Infrastruktur nicht so gut sei, wie hier.

"Mähne" hielt nicht lang

Die neu gewonnene Freiheit in Wolfsdorf nutzte Juan auch, um seine pechschwarzen Haare wachsen zu lassen. Nach einiger Zeit nervte ihn die aufwendigere Pflege jedoch sehr, und er ließ sich die "Mähne" wieder abschneiden.
Juan möchte auf jedem Fall wieder einmal Deutschland besuchen und vielleicht auch hier Physik studieren. Das Austauschjahr wird ihm in seinem Heimatland angerechnet, und er muss bis zu seinem Abschluss noch ein Jahr die Schulbank drücken. Auf die Frage, ob er sich nach seinem Abschluss erst einmal eine Auszeit gönnen werde, sagt er: "Nein, nach etwa zwei Monaten Pause fange ich mein Studium an."
Er sieht das Austauschjahr in Deutschland als eine Art "Urlaub" an, da er in seiner Heimat mehr lernen müsse und mehr Hausaufgaben zu erledigen habe. Der Austauschschüler wird seine Gastfamilie, seine neu gewonnenen Freunde in Wolfsdorf und in der Schule sehr vermissen, möchte aber in Zukunft per "Skype", "Facebook" oder "WhatsApp" Kontakt halten. Auch das Essen und das fränkische Bier werde ihm fehlen, schmunzelt der 17-Jährige.
Wenn Juan morgen seine Heimreise antritt, liegen zirka 10 200 Kilometer mit einer Flugzeit von 14 bis 15 Stunden vor ihm. Der Abschied wird für alle Beteiligten nicht leicht werden, sicherlich wird die eine oder andere Träne fließen.
Es wird wohl auch einige Zeit brauchen, bis der Ecuadorianer wieder in seiner Heimat "angekommen" ist, denn zwischen dem idyllischen Wolfsdorf und der 2,2-Millionen-Stadt liegen Welten.