von unserem Redaktionsmitglied 
Andreas Lösch

Kreis Haßberge — Liest man dieser Tage Meldungen über die Wildschweinpopulation in Deutschland, man könnte meinen, die Tiere strebten die Waldherrschaft an. Tatsächlich hat sich Schwarzwild, wie die wilden Schweine in der Jägersprache genannt werden, in den vergangenen Jahren stark vermehrt. Die Folgen davon sind höhere Wildschäden in Wald- und Landwirtschaft, was einem Jäger, der ein Revier gepachtet hat, teuer zu stehen kommen kann.
Die Gründe für den Vormarsch der Sauen beschreibt Thomas Heim, stellvertretender Vorsitzender der Kreisgruppe Ebern des Bayerischen Jagdverbands: "Die Situation ist die, dass durch die milden Winter mehr von den Frischlingen durchgekommen sind und die Bejagung schwieriger geworden ist." Denn, so erklärt es der 48-jährige Jäger aus Heubach, wenn kein Schnee liege, ist die Sicht etwa bei revierübergreifenden Drückjagden schlechter, und die Spuren der Wildschweine lassen sich nicht so gut lesen. Außerdem ist das Nahrungsangebot in einem Jahr mit mildem Winter, Jäger sprechen von einem Mastjahr, sehr hoch, und die Wildschweine können sich so richtig satt fressen. Eicheln, eine ihrer Leibspeisen, gibt es zuhauf, und in Maisfeldern entlang der Wälder finden sie auch reichlich Futter, zudem bieten die hohen Pflanzen Deckung. "Für das Schwarzwild ist das natürlich ein Paradies", sagt Heim.

Öfter auf der Jagd

Zudem hätten die Wildschweine keine natürlichen Feinde mehr, weil Wolf und Luchs nicht mehr da sind. Aber ist das nicht auch für Jäger eine angenehme Situation, ist doch die Chance auf Erfolg ungleich höher? "Es macht die Jagd attraktiver, aber auch anstrengender", sagt Heim. Denn im Rahmen der Hegepflicht und um Wildschäden einzudämmen, müssen die Jäger häufiger raus, und das meist abends oder nachts.
Die Wildschweinjagd ist für Jäger eine Herausforderung, weil Schwarzwild laut Heim im Gegensatz zur Aussage "dumme Sau" tatsächlich "sehr intelligent und anpassungsfähig ist". Die Methode, Wild zu Kirrungen zu locken, also zu Stellen im Wald, an denen Futter ausgelegt wird, um die Tiere dort zu schießen, sei kaum zielbringend, denn Wildschweine lernen sehr schnell und meiden solche Plätze, weil sie die Gefahr erkennen. Würde man die Wildschweine gar nicht bejagen, hätte man mehr Wildschäden, die die Jagdpächter den Forst- und vor allem Landwirten ersetzen müssen. In einem Feld ist es "überhaupt kein Problem, in einer Nacht ein paar 1000 Euro Schaden zu haben, wenn da eine ganze Rotte reingeht", sagt Heim.
Der Lage Herr zu werden, ist kaum möglich, da sich laut Heim die Wildschweine in Mastjahren sehr stark vermehren und am ehesten ein kalter Winter die Population verringern würde. So beschrieben in dem Buch "Zur Biologie und Ökologie des Wildschweines" von H.-B. Oloff: Eine Bache, also ein weibliches erwachsenes Wildschwein, wirft in einem Mastjahr bis zu zwei Mal insgesamt bis zu acht Frischlinge, eine ein Jahr alte Frischlingsbache gebärt ebenfalls Junge (bis zu drei), und eine Überläuferbache (im zweiten Lebensjahr) kommt auf bis zu sieben Junge in zwei Würfen. In einem Notjahr, also bei wenig Nahrungsangebot, wirft eine alte Bache gerade mal drei Junge, eine Überläuferbache ein bis zwei, die Frischlingsbache keine (ebenso im Normaljahr).
Martin Schrauder von der unteren Jagdbehörde im Landratsamt Haßberge in Haßfurt weiß um die Zunahme der Wildschweinpopulation in den vergangenen Jahren, allerdings will er von einer Plage nicht sprechen, auch, weil die Jäger im Landkreis die Situation im Griff hätten. "Jäger wissen am besten, was in ihren Revieren getan werden muss."
Sinnvoll ist es auch, wenn sich Jäger aus mehreren Revieren und auch Landwirte absprechen, um gemeinsam Maßnahmen zu ergreifen. Das geschieht im Haßberg-Kreis nach seiner Auskunft auch. Jäger wie Landwirte seien da hinterher, "weil es in ihrem eigenen Interesse ist".

Jährliche Schwankungen

Die Jagdstrecke für Schwarzwild (Anzahl der erlegten Tiere) lag nach Angaben der Jagdbehörde in den rund 200 Jagdrevieren im Kreis Haßberge im Jahr 2013 bei 1783 Tieren, im Vorjahr waren es 1354. Generell gebe es da Schwankungen, abhängig auch vom Nahrungsangebot für die Wildschweine. "Wir hatten auch schon mal mehr als 1800", sagt Schrauder. So seien im Jahr 2001 im Landkreis über 2000 Wildschweine geschossen worden.
Der Vorsitzende der Kreisgruppe Ebern, Helmut Sieghörtner, der sowohl Jäger als auch Landwirt ist und beide Seiten kennt, relativiert den durch einige Medienberichte entstandenen Eindruck, bei der derzeit hohen Wildschweinpopulation handle es sich um ein außergewöhnliches Phänomen oder gar eine Plage: "Ich kann weder als Landwirt noch als Jäger von einem Problem sprechen. Es ist ein natürlicher Vorgang", sagt der 60-Jährige.

Kälte ist des Frischlings Feind

Wenn ein harter Winter komme, gehe die Population auch wieder zurück. "Grundsätzlich ist es so: Für den Frischling ist Kälte der größte Feind." Nach den Mastjahren werde die Jagd intensiviert. "Ich bin der Überzeugung, dass die Zusammenarbeit zwischen Jägern, Landwirten und Forstbehörden funktioniert."
Das liege auch daran, dass Schwarzwild "bei uns schon immer heimisch ist" und somit im Kreis Haßberge die nötige Erfahrung da sei, sagt Sieghörtner. Anders sei das in anderen Regionen Deutschlands, wo das Schwarzwild erst in den vergangenen Jahren vermehrt hingewandert ist. Hier spreche man dann mitunter von einem Wildschweinproblem.