von unserem Redaktionsmitglied 
Rudolf Görtler

Bamberg — Wenn es so etwas wie Gerechtigkeit auf dieser Welt gäbe, dann dürfte nicht ein Mario Barth 70 000 Zuschauer ziehen, sondern Alfred Dorfer, der ungefähr zehn hoch neun mal so viel Intelligenz, Witz und Wachheit liefert wie dieser Berliner Grobklotz. Weil es aber so zugeht auf dieser Welt, musste der Wiener Kabarettist, Schauspieler, Musiker am Donnerstagabend in den Haas-Sälen vor überschaubarem Publikum spielen.
Ja, spielen, denn politisches Kabarett im flachen Sinne macht der 53-jährige, immer noch jugendlich wirkende schlaksige Wiener nicht. Will er auch gar nicht; am ehesten könnte man seine Kunstform als satirisches Einmanntheater umschreiben. Denn ganz alleine steht der Mann auf der Bühne, vor vier Jahren hatte er noch eine Band mitgebracht. Die man nicht vermisst, weil Dorfer, der einst mit Josef Hader gearbeitet und den Film "Indien" gedreht hatte, die 100 Minuten seines Soloprogramms "bisjetzt" souverän meistert. Worum geht es darin? "Es wird ums Denken gehen", hatte der mehrfach ausgezeichnete Künstler angekündigt.
Es ging dann auch darum, nicht ums positive Denken, "dem Gegenteil von Denken". Denn mit Pointen angereichert ist "bisjetzt" naturgemäß, das sich locker organisiert entlang der Lebenslinie des 1961 geborenen, katholisch sozialisierten komischen Multitalents. Also folgt auf die Kindheit im Sozialbau die Pubertät in den siebziger Jahren, als in Österreich "die Sozialdemokratie die Macht übernommen hatte" mit WG-Erfahrung und Protest in Hainburg an der Donau gegen ein Kraftwerk.
Das ist nicht so wahnsinnig originell und könnte dröge wirken. Tut es nicht, weil ein Könner auf der Bühne steht, der nicht platt Gag an Gag reiht, sondern seine durchaus pointengesättigte Suada mit Gesangs- und Schauspieleinlagen anreichert oder Denksport "für die Pause" aufgibt: "Der Weg ist das Ziel. Bin ich schon besoffen, nur weil ich durstig bin?" oder "Gruppen sind Menschen, die gemeinsam nicht die anderen sind". Das dient nicht der Ressentimentabfuhr des Publikums oder ist sozialdemokratisches Studienrats-Kabarett der fünfziger Jahre, sondern gescheit und didaktisch geschickt, ebenso wie die "freie Presse" als Christbaum der Aufgeklärten, das heißt: Wahn und Wunsch, bespöttelt wird. Was wiederum nicht heißt, dass Dorfer feinsinnig die grobe Schmähung miede: "Religiöse Fanatiker und andere Verbrecher sind immer noch die beiden Säulen der amerikanischen Gesellschaft."
Gut, dass Dorfer nur ein bisschen das Piefke-Klischee tangierte und lieber ironisch sein Österreich tatzelte ("das Bundesheer: eine der gefürchtetsten Armeen im Inland"). Überhaupt betrachtet er alles und jeden ironisch, auch die eigenen Witzeleien. Also es steht da ein sympathischer, grundgescheiter Mann auf der Bühne, mit einem Schuss von Wiener Morbidität und einem Schuss Misanthropie, wie es sich für einen Künstler gehört. Der weiß, dass Religionen auch nicht weiterhelfen und als Trost nur parat hat: "Vielleicht denkt sich uns nur einer."