Eckehard Kiesewetter Ebern — Abende im Advent, die ideale Zeit zum Vorlesen oder Erzählen von spannenden, amüsanten oder mysteriösen Geschichten. Erst recht, wenn sie aus der näheren Umgebung stammen. Und tatsächlich ist sagenhaft, was sich in Ebern und Umgebung alles tut - oder angeblich mal getan haben soll. Da ist von Schätzen die Rede, die auf Nimmerwiedersehen verschwunden sind, von gewaltsam zu Tode gekommenen, deren Geist noch heute durch die Haßberge spukt, oder von Heiligenfiguren, die auf wundersame Weise immer wieder an den gleichen, offenbar besonders spirituellen Ort zurückkehrten. Immerhin verdanken die Eberner solch einer Geschichte ihre heutige Marienkapelle, denn ohne die sagenhafte Beharrlichkeit der "Maria vom Rückgraben" wäre die Kapelle vermutlich nicht vor etwas mehr als 500 Jahren an ihrer heutigen Stelle erbaut worden. Eine Sammlung mit Geschichten und Sagen aus dem Eberner Land bringt der Bürgerverein jetzt zum Beginn des Advents in seiner Reihe "Eberner Heimatblätter" heraus. Von der Titelseite blickt dem Leser ein stattlicher Eber entgegen, denn die Sage vom Wappentier der Stadt darf in der Sammlung natürlich nicht fehlen.

Die Zeichnung verrät auch sogleich das ganz Besondere an diesem 21. Heft der Reihe: Die professionellen Illustrationen hat die Würzburger Designerin Romina Birzer geschaffen. Deren Arbeiten waren Stefan Andritschke, der die Gestaltung des Sagen-Heftes übernommen hat, durch Zufall ins Auge gestochen. Ich bin auf sie aufmerksam geworden, als ich einen Katalog über den Bayerischen Staatspreis für Nachwuchsdesigner angeschaut habe", erzählt der Architekt, "da hatte sie sich 2014 beteiligt, leider aber keinen Preis bekommen. Das ging dann später los."

Inzwischen hat die 30-Jährige etliche Auszeichnungen eingeheimst und mit Illustrationen für große öffentliche Einrichtungen, Magazin- und Zeitungstitel, Grafikagenturen und Unternehmen beachtliche Referenzen angesammelt (https://romina-rosa.com/). Zu ihren Arbeiten gehören unter anderem die Cover für Andreas Kümmerts Alben "The Mad Hatters Neighbour" und "Here I am", ein Erklärfilm über aussterbende Ortskerne im Spessart, Zeichnungen für den Mädelsflohmarkt "Weiberkram" oder Illustrationen für eine Hippie-Version vom Rotkäppchen, das seine Großmutter nicht mit Kuchen und Wein, sondern mit Drogen versorgt. "Frech und unkonventionell", sagt Stefan Andritschke, begeistert von den aufsehenerregenden Bildern.

Zehn der 44 Sagen im Heft, das voraussichtlich ab Ende kommender Woche in der Buchhandlung "Leseinsel" erhältlich sein wird, hat Romina Birzer mit ihren Werken aufgewertet. "Und das hat sie meiner Meinung nach richtig gut gemacht", befindet Andritschke.

Romina Birzner selbst bezeichnet es als "besondere Ehre, "solche zauberhaften Geschichten visualisieren zu dürfen. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt und das ist das Beste, was einem als Illustratorin passieren kann." Ohnehin liebe sie Geschichten, besonders Märchen und Sagen", sagt die Künstlerin mit dem "Master of Art"-Abschluss. "Außerdem erinnern mich Märchen an meine Kindheit und meine Großeltern, was sehr schöne Gedanken sind." Diese Art von Erzählungen habe immer etwas Magisches an sich, was zum Träumen anrege und gedanklich aus dem Alltag aussteigen lasse. So hört sie auch sonst beim Zeichnen Hörbücher, um in den berühmten "Flow-Zustand" zu kommen.

Um das Mystische herauszuarbeiten, das Märchen und Sagen innewohnt, hat die Künstlerin die Farbigkeit der Zeichnungen eher dunkel gehalten, sie aber mit hellen und knalligen Akzenten gebrochen. "Die Kolorierung jeder einzelnen Zeichnung ist auf einem Komplementär-Kontrast aufgebaut, sodass die Farben besonders gut zur Geltung kommen", erklärt sie. Zudem setzte sie verschobene oder extreme Größenverhältnisse als Stilmittel ein, um den fiktiven Charakter der Geschichten zu unterstreichen.

Eine Fleißarbeit

Die Texte im Heft haben eine Veröffentlichung aus dem Jahr 1965 als Grundlage. Willy Bergmann, einstiger Hauptlehrer aus dem heutigen Eberner Stadtteil Brünn, hatte sich in den Dörfern im Umkreis umgehört und das, was die Leute so an Geschichten erzählten, aufgeschrieben. Mit Hilfe des Wernecker Verlegers Josef Wabra hatte der Schulmeister diese Sammlung damals in einem Büchlein veröffentlicht; ein Werk, das allerdings längst nicht mehr im Handel zu haben ist. "Seit langem vergriffen", erfährt man im Buchladen. Das würde bedeuten, dass die Sammlung heutigen Lesern kaum mehr zugänglich und womöglich in ein paar Jahrzehnten wieder komplett vergessen gewesen wäre. Dann würde womöglich eines Tages kein Kind im Landkreis mehr die Sage vom "Hehu" kennen, die Mär vom Edelfräulein vom Stein oder die fabelhafte Geschichte von den Quärkeln vom Veitenstein, die sich dereinst als wahre Heinzelmännchen erwiesen haben.

Wie gut also, dass Stefan Andritschke beim Stöbern im Heimatmuseum auf ein Exemplar von Bergmanns Sagen stieß, die nun eine optisch aufgepeppte Neuauflage erleben.

Dahinter steckt monatelange Arbeit der Bürgervereins-Verantwortlichen. Die Texte beispielsweise hat Vorsitzender Ingo Hafenecker - als Ehemaliger der Standortverwaltung an die Schreibstube gewöhnt - allesamt in mühsamer Handarbeit in den PC getippt.

Das 92 Seiten starke Heft erscheint in einer Auflage von 200 Stück, weshalb man mit dem Kauf nicht zu lange zögern sollte. Zu haben ist es für 20 Euro, leider aber nicht - wie vom Bürgerverein geplant - pünktlich zum Weihnachtsmarkt. Wegen einer technischen Störung musste die Druckerei gestern eine Verspätung anmelden.