Fast jeder Autofahrer hat es bereits einmal erlebt. Eine Fahrt im Dunkeln, plötzlich ein Schimmern am Straßenrand und eine sprunghafte Bewegung. Bremsen hilft nicht mehr - es knallt. Am Ende stehen ein totes Tier und Blechschaden. Täglich laufen in der Redaktion Polizeiberichte dazu ein. Das wirft die Frage auf, wo die Wildunfall-Hotspots liegen und welche Tiere am meisten durch den Straßenverkehr sterben.

Im April veröffentlichte der Deutsche Jagdverband (DJV) dazu Ergebnisse. Die Waidmänner haben dabei über 30 000 Datensätze ausgewertet. Die gewonnenen Erkenntnisse hatten so manche Überraschung parat. Nicht, wie vermutet, verenden besonders oft Wildschweine durch den Straßenverkehr - sondern Rehe. Wie verhält sich das im Landkreis Bad Kissingen?

Daten decken sich mit Lage vor Ort

Thomas Baumeister, stellvertretender Dienststellenleiter der Bad Kissinger Polizei sagt: "Das deckt sich mit unseren Erfahrungen. Rehe sind mit Abstand am häufigsten betroffen." Zahlen belegen die Einschätzung des Polizeibeamten. In der Streckenliste für den Landkreis Bad Kissingen führt das Rehwild im Jagdjahr 2019/2020 mit 771 toten Tieren im Verkehr die traurige Statistik an. Insgesamt gab es im Landkreis Bad Kissingen 1264 Stücke Fallwild, die im Verkehr getötet wurden. Mit rund 60 Prozent Reh liegt der Landkreis Bad Kis­singen damit sogar über dem Wert, den der DJV erarbeitet hatte. In den Statistiken des Verbands kommt das Reh auf 49 Prozent.

Die zweithäufigste Tierart, die unter die Räder kam, war im Landkreis Bad Kissingen im Jagdjahr 2019/2020 das Wildschwein. 143 Sauen starben durch den Verkehr. In den Daten des DJV waren auf dem zweiten Platz dagegen Kleinsäuger wie beispielsweise Marder. Diese landeten im Landkreis Bad Kissingen mit 55 Stück Fallwild auf dem vorletzten Platz. Allerdings fanden beim DJV auch Tiere wie Ratte oder Igel Eingang in die Statistik. Das ist bei den Kissinger Jägern anders. Auf deren Streckenlisten finden sich nur die jagdbaren Wildarten. Bei Füchsen, Hasen und Kaninchen decken sich die prozentualen Zahlen der Jäger im Landkreis in etwa mit denen des DJV.

"Leute sind nicht bei der Sache"

Besonders viele Rehe traf es in der Hegegemeinschaft Maßbach. 123 Tiere starben durch den Verkehr. Siegfried Schmitt ist Leiter der dortigen Hegegemeinschaft. Aufgrund seiner Erfahrung sagt er: "Es sind meistens die gleichen Stellen." Bei den Unfällen seien oft Einheimische betroffen. Der Waidmann meint: "Die Leute sind nicht bei der Sache, sondern gedanklich schon Zuhause, aber tatsächlich noch im Auto. Mancher Unfall könnte mit mehr Wachsamkeit verhindert werden."

Im Frühjahr, wenn rechts und links der Straße die Pflanzen hoch gewachsen sind, sei dies schwierig. Anders ist das im Herbst oder Winter, wenn neben der Fahrbahn eine bessere Sicht herrscht. Und: Es gibt gewisse Zeichen, die den Autofahrer erkennen lassen, dass an einem Streckenabschnitt Wild wechselt. "Wenn an einer Stelle auf der Straße nach einem Regenschauer immer wieder feuchte Erde ist, muss man aufmerksam sein", erklärt der Waidmann.

Hotspots in der Hegegemeinschaft befinden sich beispielsweise zwischen Maßbach und Rothhausen, Maßbach und Weichtungen, Theinfeld und Thundorf, aber auch zwischen Poppenlauer und Rannungen.

Olaf Gräf - er kommt aus dem Sachbereich Verkehr bei der Bad Kissinger Polizei - kennt weitere Gefahrenstellen. Beispielsweise auf der Strecke von Großwenkheim nach Großbardorf. Dort findet sich linker Hand ein kleiner See. Von der Straße aus ist der schwer einzusehen. "Dort wechseln häufig Rehe", sagt Olaf Gräf. Gefährlich sei auch der Bereich am Lauterer Kreisel in Richtung Waldfenster.

Hotspots sind bekannt

Ein weiterer Hotspot befindet sich zwischen Steinach und Premich auf der St2267. Zu Einsätzen müssen die Beamten immer wieder auch an die St2445 zwischen Münnerstadt und Oerlenbach ausrücken. Und: "In Richtung des Maßbacher Autobahnzubringers kommt es immer mal zu Unfällen."

Im Dienstbereich der Hammelburger Polizeiinspektion sind den Polizisten insbesondere zwei Schwerpunkte in den Fokus gerückt. "Zum einen die Strecke zwischen dem Lager Hammelburg und Gauaschach und zum anderen die Strecke zwischen Trimberg und dem Golfplatz", sagt Ralf Peter, Sachbearbeiter für den Bereich Verkehr.

Auch um Bad Brückenau gibt es einige Orte, an denen es immer wieder zu totem Wild im Straßenverkehr kommt. Stellvertretender Dienststellenleiter Thomas Vöth sagt: "Einer der Hauptschwerpunkte liegt auf der Strecke von Bad Brückenau hoch nach Volkers zur Autobahn."

Zu weiteren Unfällen komme es häufig zwischen Riedenberg und Wildflecken. "Da ist eigentlich die ganze Strecke betroffen", weiß er aus seiner Erfahrung zu berichten. Im Fokus der Polizisten ist außerdem die Strecke von Bad Brückenau ins Staatsbad. "Und zwar in dem Streckenabschnitt, wo es durch den Wald geht", präzisiert Vöth. Einsätze haben er und seine Kollegen zudem immer wieder im Bereich von Neuwirtshaus und Untergeiersnest. "Da ist auch häufiger mal ein Unfall mit Wild."

Kein Kavaliersdelikt

Nach dem Zusammenstoß muss die Polizei oder der Jagdpächter informiert werden. Geschieht das nicht, handelt es sich um eine Ordnungswidrigkeit nach dem bayerischen Jagdgesetz. Denn wenn ein Reh mit gebrochenen Läufen mehrere Stunden oder Tage im Graben liegt, liegt Tierquälerei vor. Dass der Meldepflicht nicht jeder nachkommt, ärgert Siegfried Schmitt von der Hegegemeinschaft in Maßbach.

Aber: Es muss erst gar nicht immer zum Unfall kommen. Laut Thomas Vöth von der Bad Brückenauer Polizei ist ein geschärftes Bewusstsein bei den Verkehrsteilnehmern immens wichtig. "Wenn das Schild Wildwechsel am Straßenrand steht, heißt es, deutlich langsamer zu fahren." Denn: "Das Wild ist nicht wie ein Fußgänger, der die Straße überqueren möchte. Wenn ein Autofahrer Wild sieht, sollte er sofort richtig langsam fahren."

Polizei ist aktiv

Bereiche, die Gefahrenpotenzial bergen, sind zum Beispiel Streckenabschnitte mit unterschiedlicher Vegetation. Etwa wenn sich auf der einen Straßenseite Wald und auf der anderen Wiese befindet. An solchen Stellen ist oft mit Wildunfällen zu rechnen.

Die drei Polizeidienststellen im Landkreis Bad Kissingen arbeiten derzeit daran, ihre Hotspots zu entschärfen. "Demnächst gibt es Ortstermine an den betroffenen Streckenabschnitten", sagt Ralf Peter von der Hammelburger Polizeiinspektion.

Gemeinsam eine Strategie entwickeln

Dort treffen sich unter anderem Polizei, Vertreter des Landratsamtes, der Straßenmeisterei und des Bayerischen Jagdverbands sowie der Unfallkommission, um darüber zu beraten, wie sich Kollisionen mit Wild in den brisanten Bereichen des Landkreises vermeiden lassen. Mögliche Ansätze sind laut dem Hammelburger Polizisten beispielsweise das Entbuschen der Fahrbahnränder oder aber das Aufstellen von Warnschildern.