Roland Schönmüller

Birnbaum —  Der zweite Weihnachtsfeiertag ist gleichzeitig auch der Gedenktag des heiligen Stephanus. In Birnbaum im Frankenwald trägt die dortige Pfarrkirche den Namen dieses ersten christlichen Märtyrers. Stephanus wird bereits beim Evangelisten Lukas in der Apostelgeschichte erwähnt: Als Diakon verkündet er als hervorragender Prediger die frohe Botschaft, zieht mit starkem Charisma die Zuhörer in seinen Bann und ist beliebt als einer der sieben Almosenpfleger in der urchristlichen Gemeinde. Doch er widersetzt sich der jüdischen Lehre, wird vor dem Hohen Rat in Jerusalem angeklagt, verurteilt und findet den Tod durch Steinigung. Saulus (später Paulus) war Zeuge dieser Hinrichtung.

Namhafte Künstler verewigten gerade die Steinigungsszene des ersten Märtyrers der Christenheit, so Martin Schongauer, Raffael, Hans Baldung Grien oder Fra Angelico, in ihren Bildern für die Nachwelt.

Blutzeugen-Verehrung

Seit dem zweiten Jahrhundert kennt das Christentum die Märtyrerverehrung und wenig später die Vorstellung, dass "Blutzeugen" als Heilige und Fürsprecher Verehrung finden. Der Legende nach sollen die Gebeine des Stephanus in der römischen Kirche San Lorenzo begraben worden sein. Die Heiligen Laurentius und Stephanus sind beide Märtyrer, erscheinen seit dem Mittelalter (ab dem 14. Jahruhundert) gemeinsam auf Bildwerken, unter anderem in Venedig.

Im Frankenwald hat Birnbaum den heiligen Stephanus als Kirchenpatron, und der Nachbarort Neufang nennt den heiligen Laurentius als Schutzheiligen. Dies ist ein erstaunliches Phänomen, was möglicherweise auf eine zeitgleiche Entstehung der beiden Gotteshäuser im Hochmittelalter hinweist und eine besondere Verehrung der beiden Erzmärtyrer im Bamberger Raum vermuten lässt.

Bereits seit dem frühen Mittelalter begeht man den Stephanustag im zeitlichen Zusammenhang mit dem Weihnachtsfest. Theologisch steht dahinter die Vorstellung, dass mit der Geburt Christi auch gleich sein Leiden am Kreuz mitzugehen ist. Der Festtag ist so alt wie das Weihnachtsfest. Doch steht er im krassen Gegensatz zum 24. Dezember: Hier die Freude über die Geburt des Gottessohnes, dort das Martyrium eines Christen.

Ausgelassene Bräuche

Im Volksbrauch ist der Tag des heiligen Stephanus später zu einem sehr fröhlichen Fest mit vielfältigen, ja sogar ausgelassenen Bräuchen geworden. Auch kleine Geschenke spielten am Stephanstag einst eine Rolle.

Zur Erinnerung an die Steinigung des Heiligen wurden "steinförmige" Gebäcke verzehrt, wie wir sie noch heute als Dominosteine, Printen, Spritzkuchen und Pfeffernüsse kennen. Weil der heilige Stephanus unter anderem auch als Schutzpatron der Pferde und der Kutscher galt und gilt, wurde der 26. Dezember vor allem in ländlichen Orten mit Pferdesegnungen und Umritten um Kapellen und Kirchen begangen.

Am zweiten Weihnachtsfeiertag nahm man früher Krüge mit Wasser mit in die Kirche, wo sie der Pfarrer während der Messe weihte. Das Stephaniwasser oder Stephanswasser war ein beliebtes Weihwasser, das als besonders wirkungsvoll galt. Die Pferde erhalten in manchen Regionen beim ersten Frühlingsausritt mit Stephaniwasser getränktes Brot, damit sie gesund blieben und nicht verunglücken. Schlittenfahrten am Stephanstag gab es auch. Dies hing sicherlich auch damit zusammen, dass die Bauern die Tiere nicht untätig im Stall lassen wollten.

Beliebter Besuchstag

Im Familienbrauch war der arbeitsfreie Stefanitag einst - vor Corona - ein beliebter Besuchstag. Man ging zu Verwandten und Freunden zum Christbaum- und Krippe-Anschauen oder zum Kletzenbrot-Essen.