Mit einem eigenen Fernsehkanal und täglich rund einer Million Zuschauern gehört Pat Robertson zweifelsohne zu den einflussreichsten Vertretern der christlichen Rechten in den USA. In seiner Talkshow "The 700 Club" wettert der 90-jährige Prediger gegen den Sozialismus, den Islam, die Homosexualität und was aus seiner Sicht sonst noch des Teufels ist. "Trump wird die Wahl gewinnen", verkündete er Ende Oktober: "Das ist sicher." Allerdings werde kurz darauf ein Asteroid die Erde treffen.

Nun ist es etwas anders gekommen, und das Schlachtross der amerikanischen Fundamentalisten legt eine spektakuläre Kehrtwende hin. Während sich Donald Trump immer tiefer in seinen Verschwörungswahn hineinsteigert, schockierte Robertson seine Anhänger mit einem hellsichtigen Bekenntnis: "Ich habe gebetet und gehofft, dass es eine bessere Lösung gibt", sagte er: "Aber ich glaube, es ist vorbei." Joe Biden sei der künftige Präsident, Trump lebe in einer "alternativen" Wirklichkeit: "Er hatte seine Chance. Nun ist es Zeit weiterzuziehen."

Die Abkehr des prominenten TV-Hirten muss für die evangelikalen Trump-Wähler ein Schock sein. Viele von ihnen glauben immer noch an ihr Idol und flüchten sich in wilde Fieberträume, um die schmerzhafte Niederlage zu verdrängen. Trump und seine verbliebenen Apologeten befeuern den Wahn mit täglich neuen Räuberpistolen vom angeblichen Wahlbetrug, in deren Zentrum vor allem die Maschinen stehen, die Stimmen auswerten. Mal sollen sie von Venezuela, mal von China und mal von Hillary Clinton so programmiert worden sein, dass sie Trump-Stimmen heimlich für Biden zählten.

Doch auch hier erleben die Anhänger des Präsidenten gerade einen Realitätsschock. Mitten in ihren Lieblingsshows der ultrarechten Fox-Moderatoren Lou Dobbs, Maria Bartiromo und Jeanine Pirro wurden Videoclips mit einem Faktencheck ausgestrahlt, die den Fälschungsvorwürfen ausdrücklich widersprachen. "Haben Sie Beweise dafür, dass Software verwendet wurde, um in dieser Wahl Stimmen auszutauschen?", wurde da ein Experte befragt. "Nein, dafür habe ich keine Beweise", lautete die Antwort. Stück für Stück wurden die Konspirationserzählungen, die die Moderatoren teilweise selbst verbreitet hatten, widerlegt.

Nun steht der Sender Fox-News bei Trumps Hardcore-Fans inzwischen ohnehin im Geruch des Verrats. Viele sind daher wie der Präsident zu den noch rechteren Kabelkanälen OAN und Newsmax abgewandert, wo der windige Präsidenten-Advokat Rudy Giuliani und die mit der rechtsextremen Qanon-Verschwörungsideologie sympathisierende Anwältin Sidney Powell in den vergangenen Wochen ohne irgendwelche Belege ihre aberwitzigen Räuberpistolen verbreiten durften.

Doch am Montag trauten viele Zuschauer ihren Augen nicht. Da erschien der ultrarechte Newsmax-Moderator John Tabacco ein bisschen steif auf dem Bildschirm und schien wie ausgewechselt. In den vergangenen Wochen seien viele Gäste aufgetreten und hätten "Meinungen" über Dominion und Smartmatic, zwei führende Hersteller von Wahlmaschinen, geäußert. Ausdrücklich betonte er, dass sich sein Sender diese Behauptungen nicht zu eigen mache.

Dann widersprach er ihnen Punkt für Punkt zwei Minuten lang. Dass Tabacco ausdrücklich betonte, beide amerikanische Unternehmen, die weltweit operieren, würden weder Hillary Clinton noch George Soros noch dem 2013 verstorbenen venezolanischen Präsidenten Hugo Chavez gehören und von diesen auch nicht gesteuert, klang für Außenstehende bizarr. Doch für viele Newsmax-Zuschauer dürfte eine Welt zusammengebrochen sein.

Zwar hatten sich weder Fox-News noch Newsmax ganz freiwillig entschieden, ihre Berichterstattung zu widerrufen. Dahinter stecken vielmehr Verleumdungsklagen der beiden Wahlmaschinen-Hersteller, deren Geschäft unter den "falschen und diffamierenden Statements" aus dem Präsidenten-Umwelt zu leiden droht. In den USA können solche Klagen schnell extrem teuer werden und existenzbedrohende Strafzahlungen nach sich ziehen.

Doch die Liebe der rechten Medien zu Trump dürfte auch aus einem anderen Grund erkalten: Amerikaner sind in Gewinner verliebt. Trumps wüste Tweets klingen aber zunehmend selbstmitleidig. "Seine Attitüde des schlechten Verlierers beginnt selbst den Millionen, die ihn gewählt haben, auf die Nerven zu gehen", kommentierte das sicherlich nicht Biden-freundliche "Wall Street Journal" zum Wochenbeginn.