Ein großer Pool, ein Hasenstall und ein Schild an der Klingel mit vier verschiedenen Nachnamen: Hier im Landkreis Lichtenfels lebt Familie Müller* mit ihren zwei Pflegetöchtern. Lisa* ist zehn Jahre alt, Klara* neun (Namen wurden von der Redaktion geändert). Beide besuchen die örtliche Grundschule. Das wiederum bedeutet "Homeschooling" in Zeiten der Corona-Krise.

Anfangs sei es schwer für sie gewesen, berichtet die Pflegemutter, die keine eigenen Kinder gebären kann. "Wie ein eigenes Kind lieben" scheint für die Beziehung der beiden Mädchen zu Frau und Herrn Müller jedoch nicht ausreichend. Eine ganz eigene Innigkeit verbindet die vier - geprägt durch kleine Gesten, Herzlichkeit und Geborgenheit. So haben sie auch die bisherigen Monate der Kontaktbeschränkungen, fehlenden Vereinsaktivitäten und den Schulausfall überstanden.

27 Pflegekinder in 23 Pflegefamilien

Den aktuell 27 Pflegekindern im Landkreis Lichtenfels stehen momentan 23 Pflegefamilien mit zum Teil leiblichen Kindern gegenüber. Die Eltern von Lisa und Klara, die im Wissen um die Pflegschaft dennoch oder gerade deswegen "Mama" und "Papa" genannt werden, haben nichts aus der kindlichen Biografie verheimlicht: "Warum sollten wir es verbergen? Wir sind von Anfang an sehr offen damit umgegangen, das tut jedem gut", so die Pflegemutter.

Mittlerweile unterhalten sich die Mädchen über die "Bauchmamas" und stellen Fragen. "Wie ist meine Mama?", "Warum musste ich ins Heim?" oder "Habe ich Geschwister?". Die Kinder kennen diesen Teil ihrer Geschichte in groben Zügen: Bei beiden war die Mutter sehr jung und mit den neuen Aufgaben überfordert. In vielen Fällen spielen auch Alkohol- und Drogensucht eine Rolle. Falls die Pflegeeltern keine Antworten haben, rufen sie im Jugendamt an, und eine Ansprechpartnerin dort beantwortet die Fragen. "Beide Mädchen kennen Teile ihrer Vergangenheit und wir dürfen diese auf keinen Fall verschleiern. Biografiearbeit ist auch unsere Aufgabe! Jede Lüge würde unser Verhältnis zu unseren Kindern schaden", sagt die Pflegemutter.

Aus solch großer Offenheit spricht Liebe und Vertrauen. So ist es nicht verwunderlich, dass sich Lisa irgendwann gewünscht hat, aus dem Bauch ihrer Pflegemama gekommen zu sein. Zu der leiblichen Mutter gab es zwar in der Anfangszeit einige wenige Kontakte, diese wurden jedoch oft nicht eingehalten und schließlich ausgesetzt.

Lisa ist gleich nach der Geburt in eine stationäre Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe eingezogen, die in der Umgangssprache heute oft noch "Kinderheim" genannt werden. Nach Berücksichtigung des individuellen Kindeswohls werden die Kinder unter anderem an Pflegefamilien innerhalb desselben Landkreises vermittelt, aber auch mal in benachbarte oder weit entferntere Bezirke - nach eingehender Prüfung. Das Bewerbungs- und Anerkennungsverfahren dauert lange - aus gutem Grund. "Die Wochen zwischen den einzelnen Terminen dienen der eigenen Bedenkzeit bezüglich der vorangegangenen Gespräche", weiß Frau Müller.

Das Jugendamt möchte diejenige Familie für das Kind finden, die zu ihm passt. Wenn sich die Behörden einig sind, kann es aber schnell gehen: Familie Müller hat 2010 Bescheid bekommen, dass sie ein drei Monate altes Mädchen zur Pflege bekommt, und musste innerhalb von fünf Tagen alles Notwendige organisieren: "Wir waren täglich bei ihr im Heim, kauften nebenbei die komplette Ausstattung und waren damit beschäftigt, das Kind bei unseren Eltern und Freunden anzukündigen", blickt Frau Müller zurück. "Eigentlich all das, was andere Eltern sonst in neun Monaten machen."

Knapp ein Jahr später trat das zuständige Jugendamt erneut an die Familie heran: Ob sich die Eltern vorstellen könnten, noch ein Mädchen aufzunehmen? Ja, und so trat auch das Baby Klara in ihr Leben. Die beiden Mädchen verstehen sich gut - so wie viele andere Geschwister auch sind: Sie zanken sich und konkurrieren des Öfteren, aber "wenn es darauf ankommt, halten sie zusammen", sagt der Pflegevater.

Obwohl die Pflegemutter vor ihrer Pflegeelternschaft selbst als Erzieherin tätig war, waren auch viele Situationen im Familienalltag neu für die beiden Eltern: "Wir wissen, dass unsere beiden nicht den größten Rucksack zu tragen haben, aber er ist größer als der von anderen", sagt der Pflegevater. Die Rede ist von körperlichen und seelischen Erfahrungen, von Erinnerungen, die während der Zeit im Bauch der Mutter und in den ersten wenigen Lebensmonaten geprägt wurden. Unbewusst.

Lisa zum Beispiel reagiert stark auf laute Geräusche und Unruhe von außen. Schon als Säugling habe sie unbewusst den Kopf eingezogen, als etwa ein Traktor draußen vorbeigefahren sei. Wenn es in der Schule mal laut wird, beginne sie zu schimpfen. Mitmenschen zeigen hierfür oft wenig Verständnis und wollen oft nicht verstehen, warum dieses Kind ist, wie es ist. Warum können die Eltern das Kind denn nicht erziehen, werde Familie Müller oft gefragt. "Ich sage ihnen, manche Dinge gehen einfach nicht, die Kinder können es nicht. Man muss hinnehmen, dass sie eine Geschichte haben, die wir nicht kennen. Es geht nicht darum, das ganze Verhalten zu tolerieren, sondern vielmehr um die Frage: Was kann man tun, damit das Kind wieder etwas runterkommt?" Im Falle von Lisa wäre es oftmals hilfreicher, ihr einen ruhigen Ort zu bieten, ihr über den Rücken zu streicheln oder sie als Eltern zu umarmen. Dagegen führen solche Ausbrüche immer noch viel zu oft zur Ausgrenzung - nicht nur von Seiten der Klassenkameraden und Spielgefährten, auch von einigen Eltern ("Mit denen spielst du nicht!").

Frau Müller hat eine klare Bitte: "Ich wünsche mir, dass unsere Gesellschaft, unsere Mitmenschen, gerade diese Pflegekinder aufnehmen und ihnen helfen so aufzuwachsen wie jedes andere Kind. Alle können ihren Beitrag dazu leisten. Manchmal reicht schon ein Lachen oder eine Geste, die dem Kind Freude oder Liebe gibt. Verständnis für ihr Verhalten und Rücksicht bei Fehlverhalten. Es ist nichts schlimmer, als eine Ablehnung oder das Zurückweisen. Denn Trennungen haben Pflegekinder schon hinter sich. Diese sitzen tief im Unterbewusstsein und zeigen sich gerade dann, wenn Erlebtes wieder erlebt wird." Zu solchen und weiteren Themen betreut Nikolas Auer, Psychologe und Leiter der Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern, daher die große Tochter und die Eltern in Gesprächen.

Unterstützung durch Seminare

Schon vor der Pflegschaft, aber auch während derselben werden die Pflegeeltern gut unterstützt: In verschiedenen Seminaren werden sowohl Theorie und die Hintergründe für solche Maßnahmen erörtert als auch ganz praktisch in Rollenspielen schwierige Situationen und Gefühlslagen nachgestellt: Themen wie "Biografiearbeit", "Pubertät" oder "Alkoholsyndrom" sind ein fester Bestandteil des Programms. Aber auch: Welche Gefühle hätte ich, wenn ich die leibliche Mutter dieses Kindes wäre? Muss ich ein schlechtes Gewissen haben, wenn ich einer Mutter ihr Kind "wegnehme", das Kind vom Jugendamt aus der leiblichen Familie genommen wird?

Letzteres kann Frau Müller heute verneinen: Sie hat ihren beiden Töchtern eine neue Chance und Struktur im Leben gegeben. Da gehören nicht nur der regelmäßige Schulbesuch, Hobbys und Therapiegespräche dazu. Rituale rund um die Tierpflege im Garten oder die Gute-Nacht-Geschichte am Abend demonstrieren Sicherheit und Verlässlichkeit für die Kinder.

Denjenigen, die sich damit beschäftigen, ein Pflegekind bei sich aufzunehmen, empfehlen Frau und Herr Müller vor allem: "Ehrlich zu sich selbst zu sein. Warum möchte ich ein Kind aufnehmen? Und sich bewusst machen, dass es besondere Kinder sind. Es wird anders im Vergleich zu anderen Familien werden - sowohl im Alltag als auch in der Erziehung, bei der eben immer mehr Menschen beteiligt sind. Auf der anderen Seite können wir sagen: All unsere Einschränkungen und Entbehrungen sind es wert. Wir würden es wieder machen, und wir sind unheimlich froh, die beiden Kinder zu haben. Und dies ohne Wenn und Aber!"

Weitere Informationen zum Thema Pflegeeltern erteilt das Jugendamt des Landkreises Lichtenfels.