"Ich konnte noch nicht richtig laufen, da hab ich schon das alte Modell-Flugzeug von meinem Vater herumgeschoben – so wie andere Kinder ihr Spielzeugauto." Wenn Jürgen Christ von seiner ersten Berührung mit der Modellfliegerei erzählt, erinnert er sich weit zurück. Das Propellermodell seines Vaters konnte zum damaligen Zeitpunkt allerdings nicht fliegen. Das sollte sich einige Jahre später ändern: "Mit 15 habe ich es auf dem Dachboden wiederentdeckt und mit dem Freund meiner Schwester einen Motor eingebaut", erzählt der heute 55-Jährige. Nachdem eine alte Fernsteuerung gefunden war, brachten die beiden Tüftler die Maschine zum Laufen indem sie am Propeller einen Schnürsenkel befestigten und ruckartig anzogen: "Wie bei einer Kettensäge. Das hat funktioniert, und das Ding ist dann auch geflogen – 100 Meter weit", erzählt Christ und lacht. Doch das Modellbaufieber hatte ihn gepackt: Christ kaufte sich sein erstes eigenes Modell-Flugzeug, die "Dädalus". "Die ist einwandfrei geflogen. Irgendwann hat's aber einen Schlag getan und sie lag am Boden."

Mittlerweile bleiben seine Modell-Maschinen freilich länger in der Luft. Als Vereinsvorsitzender des MFG Phoenix Lichtenfels fliegt er regelmäßig auf dem vereinseigenen Flugplatz zwischen Zeublitz und Wolfsloch. Hier gelten strenge Regeln. So dürfen die 33 Vereinsmitglieder ihre Maschinen nur in einem bestimmten Bereich fliegen und müssen sich an festgelegte Flugzeiten halten. Zudem dürfen die lauteren Modellflugzeuge mit Verbrennermotor den Höchstpegel von 77 Dezibel nicht überschreiten.

Vor dem Flug wird gebaut

Der Deckel einer Sprühsahne-Dose als Motorhaube, oder die durchsichtigen Ausbeulungen einer Tablettenpackung als Scheibe eines Instruments auf dem Armaturenbrett: Modellbauer, die keine Schnellbausätze verwenden, sondern auf Eigenkreationen setzen, sind erfinderisch. Das alleine reiche jedoch nicht, erklärt Christ. Auch die Koordination zwischen Auge und Hand sowie das Durchhaltevermögen seien immens wichtig.

Was letzteres angeht, habe sich viel geändert. Gestanzte Bausätze mit gefrästen Fertigteilen verringern den Arbeitsaufwand immens. "Früher warst du oft Monate an deinem Modell gesessen – mittlerweile reicht ein Wochenende."

Will der Modellbauer im Scale-Bereich bestehen, hat er mit einem Fertigbausatz allerdings schlechte Karten. In dieser Sparte geht es nämlich um eine originalgetreue Nachbildung. Dafür stimmen die Modellbauer ihre Flugzeuge bis ins kleinste Detail mit den großen Originalen ab. Selbst die Anzahl der Nieten oder Verwitterungsspuren entsprechen dann der Vorlage. "Bei manchen ist sogar die Motorisierung dem Original nachempfunden", sagt Christ und zeigt auf einen Sieben-Zylinder-Motor.

Sogar kleine Figuren würden oft in den Cockpits sitzen, um den Flieger nicht als "Geisterflugzeug" in die Luft zu lassen. Die Flugfähigkeit der Scale-Modelle ist indes Voraussetzung auf Wettbewerben.

Geschwindigkeiten bis 500 km/h

Völlig egal ist das Aussehen bei den sogenannten Funktionsmodellen. Sie seien rein auf den Zweck des Fliegens getrimmt, erklärt der Vereinsvorsitzende. Aus möglichst leichtem Material gebaut – meist Kohlefaser – erreichen diese Flieger immense Geschwindigkeiten. So sei mit dem "Raketenwurm" von Wolf Fickenscher aus dem Nachbarverein Geschwindigkeiten bis zu 500 Kilometer pro Stunde möglich. "Nach einem Senkrechtstart hat das Ding nach ein, zwei Sekunden die Sichtgrenze erreicht", schwärmt Christ und ergänzt: "Beim Raketenwurm ist der Name Programm."

Tipps für Anfänger

Für Neueinsteiger ist eine solche "Rakete" definitiv nicht zu empfehlen. Hier rät Christ zu einem Einsteigerset für etwa 100 Euro. Darin enthalten sind das Modell, die Elektronik samt Lader, ein Sender sowie die Ersatzteile. Vor dem Start sind jedoch einige rechtliche Pflichten zu beachten, wie Christ erklärt: Das Modell-Flugzeug muss versichert sein – eine normale Haftpflicht reicht hier nicht aus. Die Kosten dafür liegen zwischen 40 und 50 Euro im Jahr. Zudem müssen alle Flugmodelle mit einem Abfluggewicht von mehr als 250 Gramm mit einer feuerfesten Plakette ausgestattet sein. Darauf müssen Name und Adresse des Piloten stehen. Auch muss die Zustimmung vom Eigentürmer des Startgeländes eingeholt werden. Auch die naturschutzrechtlichen Bestimmung sowie der vorgeschriebene Sicherheitsabstand zu Gebäuden und sensiblen Einrichtungen, wie Krankenhäusern, Vollzugsanstalten oder Solarparkanlagen, sind stets zu beachten.

Den Interessenten empfiehlt Christ deshalb vorab Kontakt zu einem örtlichen Verein aufzunehmen. Dort gebe es auch Jugendgruppen mit der notwendigen Ausrüstung. Der Nachwuchs könne so unter Anleitung das "sorgenlose und risikoarme Fliegen" üben, sagt der Vereinsvorsitzende.

Die Faszination Modellflug

"Es fasziniert mich, ein Modell zu beherrschen – zum Beispiel mit einem Segelflieger so lange wie möglich in der Luft zu schweben", schwärmt Roland Groß. Er ist Vereinsmitglied im MGF Phoenix und seit "zig Jahren" dabei. Auch für Vereinskollege Arvid Wirén ist es ein "sehr erfüllendes Hobby", sein Segel-Modell "möglichst naturgetreu fliegen zu sehen." Dabei sei die Landung stets eine Herausforderung und falle häufig unterschiedlich aus, sagt der begeisterte Modellflieger.

"Die Mischung aus Aerodynamik, Pneumatik, Modelltechnik und vielem mehr macht's einfach aus", sagt sein Vereinsvorsitzender und schaut in den Abendhimmel über dem Fluggelände. Dort fliegt Sohn Lukas mit seiner frisch zusammengebauten Maschine waghalsige Pirouetten, während das Modell von Arvid Wirén im Segelflug seine Kreise zieht.