Lichtenfels — Vor 20 Jahren übernahm Stefan Beißer als Kaplan die Betreuung der Kuratie Trieb und der Filialkirchengemeinde "Heilige Familie". Sie wurde zwei Jahre später zur eigenständigen Pfarrei erhoben und Beißer zu ihrem ersten Pfarrer. Der erst 32-Jährige war beliebt, konnte viele Menschen mit seiner Art, das Wort Gottes zu verkünden, begeistern. 1997 wurde Beißer aus eigenem Entschluss vom Dienst suspendiert und verließ Lichtenfels mit einer Frau an seiner Seite. Die Diskussion um den Zölibat ist heute in der Gesellschaft so aktuell wie damals. Wir sprachen mit Stefan Beißer, der heuer 50 Jahre alt geworden ist, in Hallerndorf im Landkreis Forchheim lebt und als Kommunikationstrainer und Coach freiberuflich tätig ist. Seine Ehefrau Jutta unterstützt ihn dabei im Büro.

Herr Beißer, haben Sie noch Kontakte nach Lichtenfels?
Stefan Beißer: Ja, aber wenige. Zu Menschen, die mir damals wie heute ganz besonders wichtig waren und sind. Das soll keineswegs die gute Beziehung zu all den anderen Gemeindemitgliedern schmälern, aber es ist unmöglich, so viele Kontakt zu halten und pflegen. Es haben sich ja auch nach der Zeit in Lichtenfels für mich viele neue Kontakte ergeben, da wo wir jetzt wohnen, zu Seminarteilnehmern und Coaching-Kunden. Natürlich bin ich öfters in Lichtenfels, weil dort mein Schwiegervater Erich und meine Schwägerin Ulrike leben. Und zu Trainer-Treffen und Besprechungen bin ich dort mit meinen Trainerkollegen von Kommunikationstraining Simmerl zusammen.

Vor 23 Jahren haben Sie Ihre Stelle als Kaplan in Lichtenfels angetreten. Wie ist das, wenn Sie heute an diese Zeit erinnert werden?
Erstmal sehr weit weg! Aber dann kommen sehr schöne Erinnerungen hoch, wie Zeltlager, wie die Kirchweihen, bei der sich viele - besonders auch viele der Jugendlichen - engagiert haben, besondere Gottesdienste, Jugendgottesdienste, Trauungen und Tauf-Gottesdienste. Und einfach viele Gespräche mit Menschen jeden Alters, und das Fußballspielen nach der Vorabendmesse in der Berufsschulturnhalle mit meinen Jungs...

Welche Reaktionen haben Sie auf Ihren Schritt, nicht mehr Priester sein zu wollen, damals erfahren?
Viel Zustimmung und Verständnis, viele gute Wünsche für die Zukunft. Natürlich auf der anderen Seite auch Enttäuschung und Unverständnis.

Manche waren enttäuscht, viele überrascht. Der Grund schien aber klar: die Beziehung zu einer Frau. Sie haben bei unserer Interview-Anfrage angedeutet, dass das nur ein Teil der Geschichte war...
Ja, das ist interessant, dass mein Weggang bei vielen nur aus diesem einzigen Grund interpretiert wurde. Das hatte aber eine Vorgeschichte: Unsere Gemeinde war - und ist es hoffentlich noch - sehr erfolgreich, will heißen: Wir hatten gute Gottesdienstbesucherzahlen, viel Engagement von ehrenamtlichen Mitarbeitern im Pfarrgemeinderat, Kirchenverwaltung, Jugendarbeit, Vereine et cetera. Dann wurde ich natürlich gefragt, ob ich dieses und jenes Amt übernehmen könnte: Dekantsjugendseelsorger, Pfadfinderkurat, KAB- und Kolping-Präses. Und natürlich fragten viele junge Menschen, die nicht zu unserer Pfarrei gehörten, ob ich sie trauen könnte oder dann auch ihre Kinder taufen würde. Und so kam immer mehr auf mich zu, was auf der einen Seite freilich eine große Ehre und ein Vertrauensvorschuss war, auf der anderen Seite aber auch allmählich zur Belastung wurde. Und aus dem Gefühl, am Limit zu sein, und der Überlastung kam dann natürlich der Wunsch, sich auszutauschen, mit einem Menschen darüber zu sprechen, wie es mir geht. Und dann wurde aus Freundschaft das Gefühl von Geborgenheit und Liebe. Und weil ich diese Liebe dann auch ehrlich und offen leben wollte, blieb mir keine andere Wahl, als zu gehen und das Amt aufzugeben.

Sie mussten beruflich ganz von vorne anfangen. Wer hat Ihnen geholfen, sich neu zu orientieren?
Hier bin ich ganz besonders dankbar meinem Freund und Lehrer Werner Simmerl, der hoffentlich in Lichtenfels ein Begriff ist. Er ist Kommunikationstrainer und hat mich damals in der schweren Zeit gecoacht. Dabei wurden mir die Werte bewusst, die mich antreiben.

Welche Werte sind das?
Ich hab' versucht, die Kirche menschlich und voll Freude am Glauben erlebbar zu machen, einer der Gemeinde zu sein und kein Hochwürden, jeder und jedem eine Chance zu geben, wie als Beispiel wiederverheirateten Geschiedenen. Ich wollte die Kirche etwas verändern und wurde entgegen meiner Werte immer wieder auf Tradition, Kirchenrecht und Gehorsam zurückgestuft. Dann hat Werner Simmerl mir angeboten, eine Ausbildung bei ihm zu machen, das zu tun als Trainer und Coach, wo ich keine Limitierungen von oben habe, sondern wirklich den Menschen weiterzuhelfen, so wie ich meine, dass es gut ist, so wie es meinen inneren Werten wie Freiheit, Wirksamkeit und Ehrlichkeit entspricht. Und vielleicht bin ich heute genauso Seelsorger wie damals.

Sie haben sich als Kommunikationstrainer selbstständig gemacht. Welchen Weg haben Sie dafür gewählt?
Ich hab' eine fundierte Trainer-Ausbildung gemacht und Methoden erlernt, um Menschen schnell und wirksam weiterhelfen zu können.

Wer sind Ihre Kunden ?
Ganz unterschiedlich - Schüler, vor Prüfungen wie Führerschein und Schul-Abschluss oder vor Bewerbungsgesprächen; Paare, wenn die Beziehung nicht so läuft, wie erhofft; Privatpersonen wie Führungskräfte, die Niederlagen zu verkraften haben; Menschen jeden Alters, um innere, unbewusste Blockaden loszuwerden, die sie ausbremsen. Menschen, die vor einem oder im Burnout sind.

Wie können Sie denen helfen?
Oft geht der Blick nach vorn in eine attraktive Zukunft, und manchmal muss die Vergangenheit ausgesöhnt werden. Das Spektrum ist wirklich vielfältig, und es ist meine Mission, weiterzuhelfen. Und das macht Spaß!

Sie sind inzwischen verheiratet...
Ja, und das glücklich!

Sind Sie aus der Kirche ausgetreten?
Ausgetreten bin ich nicht, weil in der und durch die Kirche auch sehr viel Gutes und Schönes geschieht.

Wie leben Sie Ihren Glauben?
Ich hoffe im Alltag, wo mir Menschen begegnen, im Beruf als Trainer und Coach, wo auch der christliche Lebensentwurf vielfach Hilfe und Anregungen gibt. Und in Seminarpausen und in den Abendgesprächen ist oftmals Glaube, Spiritualität, Sinn der eigenen Existenz ein Thema, weil die Teilnehmer wissen, dass ich mal Pfarrer gewesen bin.
Gehen Sie in den Gottesdienst?
Ich beziehungsweise wir suchen uns Gottesdienste aus, die uns gut tun, die Kraft für die nächste Woche geben. Gerne fahren wir mit dem eigenen Motorrad zu Biker-Gottesdiensten auf dem Feuerstein oder auf den Domplatz zum Heinrichsfest. Auch gehen wir gerne zu Pfarrern, die theologisch fit sind und in ihrer Verkündigung etwas zu sagen haben, gerade auch zum Gegenwartsgeschehen und zu heiklen kirchlichen Themen. Gott sei Dank findet man sie noch. Sehr dankbar bin ich auch für gut vorbereitete und liebevoll gestaltete Wortgottesfeiern.

Sie galten einst im Studium und Priesterseminar als eher konservativ. Was hat dazu geführt, manche Sichtweise zu ändern?
Die Lebenswirklichkeit der Menschen, das, was sie wirklich brauchen, die Frage, was tut ihnen in ihrer konkreten Situation wirklich gut. Und mit so manchen Gebetsfloskeln oder kirchlichen Lehrmeinungen kommt man da wirklich nicht an. Auch die Frage, wie kommt Verkündigung, gerade auch bei jungen Menschen heute noch an? Wie müssen Texte in der Liturgie gestaltet sein, dass sie ins Herz dringen und nicht nur runtergeleiert werden?

Das öffentliche Bekenntnis des Oberhaider Pfarrers Stefan Hartmann zu seiner erwachsenen Tochter hat einmal mehr eine kontroverse Diskussion über den Pflichtzölibat ausgelöst. Berührt Sie diese Debatte noch persönlich?
Doch, sehr. Vor allen die verlorene Zeit mit seiner Tochter, die nicht nachzuholen ist. Was muss das für ihn bedeuten? Wie kann er das verarbeiten? Und welche Chance hat er oder wird ihm gegeben, das alles ein Stück wiedergutzumachen? In welchem Dilemma muss er sich befinden?
Da bin auch glücklich darüber, selber einen radikalen Schnitt gemacht zu haben und nicht in
Vertuschung von Gefühlen, innerer Zerrissenheit leben zu müssen. Ich wünsche ihm viel Kraft und Mut, und dass er den guten Gott gerade in dieser schweren Zeit an seiner Seite spürt. Und auch christliches Verständnis von Seite der Amtskirche und ihrer Vertreter.

Teilen Sie im Hinblick auf Veränderungen in der katholischen Kirche die Erwartungen, die in Papst Franziskus gesetzt werden?
Ich bin dankbar, dass wir ihn haben und hab' bei seiner Ernennung gleich auf ihn und die Katholische Kirche angestoßen. Er kann der Papst werden, der so manche Veränderung anschiebt, weil er nachfragt und zuhört, was die Gläubigen wirklich beschäftigt und nicht Antworten gibt auf Fragen, die keiner mehr stellt. Größere Reformen wird hoffentlich sein Nachfolger ins Tal, will heißen: zu den Menschen rollen.
Die Fragen stellte Ramona Popp