Gegenwärtig besteht infolge der Corona-Epidemie eine Ausgangsbeschränkung. Die Familien sind häufiger in der Wohnung zusammen, als das vorher wohl je der Fall war. In der Regel wirft das keine oder nur geringe Probleme auf, aber sicher gibt es auch Konflikte. Manche arten aus, und es kann zu häuslicher Gewalt kommen. Helmut Will, Außenstellenleiter des Weißen Rings für die Landkreise Haßberge und Coburg und Coburg-Stadt, beschreibt die aktuelle Lage. Der Weiße Ring ist eine Organisation, die den Opfern von Gewalt und Kriminalität hilft.

"Häusliche Gewalt ist schon eh und je ein Problem mit einer großen Dunkelziffer", sagt Will, der auch stellvertretender Landesvorsitzender beim Weißen Ring für den Bereich Bayern-Nord ist. Ob häusliche Gewalt derzeit ansteigt, könne man gegenwärtig noch nicht genau abschätzen; bisher sei dies nicht zu erkennen. Allerdings sei der Weiße Ring darauf vorbereitet, weil die Organisation eine Zunahme von Fällen häuslicher Gewalt aufgrund der besonderen Situation befürchte.

Zwei Fälle

In seinem Zuständigkeitsbereich haben sich seit dem Beginn der Ausgangsbeschränkungen zwei Frauen als Opfer von häuslicher Gewalt an Will gewandt. Ob die beiden Fälle mit der aktuellen Lage zu tun haben?

"Erst vor einigen Tagen haben sich die Außenstellenleiter, die zum Bereich Bayern-Nord gehören (das sind die in den Landkreisen von Hof im Norden bis Nürnberg im Süden und von Cham im Osten bis Aschaffenburg im Westen) in einer Telefonkonferenz ausgetauscht", sagt Helmut Will. Bisher habe man in allen Außenstellen keinen Anstieg häuslicher Gewalt verzeichnet. Man befürchte allerdings, dass sich hinter verschlossenen Türen mitunter Dramen abspielen und die Opfer aufgrund der gegebenen Umstände nicht gleich, wie vielleicht vorher, nach Hilfe suchen können. "Wir sind beim Weißen Ring der Meinung, dass sich die Fälle häuslicher Gewalt erst nach Ende der Corona-Krise häufen werden", sagt Will. Es könnte sein, dass Opfer auch derzeit persönlichen Kontakt meiden möchten und sich deshalb nicht melden, meint der Eberner. Will zitiert den Polizeipräsidenten von Unterfranken, Gerhard Kallert, mit dem er in einer anderen Angelegenheit gesprochen hat und ihm bei dieser Gelegenheit die Frage stellte, ob bei der Polizei in Unterfranken ein Anstieg häuslicher Gewalt festzustellen ist: "Wir haben die ersten Monate analysiert und konnten bisher keinen Anstieg häuslicher Gewalt feststellen", so der Polizeipräsident. Allerdings ist er auch der Meinung, dass Fälle häuslicher Gewalt erst später, eventuell erst nach Beendigung der Corona-Epidemie, bekannt werden.

"Persönlichen Kontakt zu Opfern meiden meine direkten Mitarbeiter und auch ich, aber auch alle ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Weißen Rings in ganz Deutschland", so Will. Dem Bundesvorsitzenden des Weißen Rings, Jörg Ziercke, ehemaliger Präsident des Bundeskriminalamtes, und der Bundesgeschäftsstelle in Mainz mit der Bundesgeschäftsführerin Bianca Biwer sei es ein dringendes Anliegen, dass sich alle Opferhelfer des Weißen Rings bei ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit nicht der Gefahr einer Ansteckung aussetzen. Die Opferarbeit ruhe aber nicht. "Wir nehmen uns ausführlich Zeit, um Opfer, die sich telefonisch oder per Mail an uns wenden, zu beraten und mit ihnen einen Ausweg aus ihrer Situation zu suchen", sagt Will. Entsprechende Formulare würden den Opfern zugesandt mit der Bitte, diese auszufüllen und mittels eines beigegebenen Freikuverts zurückzusenden. Hilfe beim Ausfüllen von Unterlagen könne man auch per Telefon geben.

"Opfer müssen auch in diesen Zeiten nicht auf tatbedingte finanzielle Hilfe verzichten. Beratungsschecks für Anwälte oder Therapeuten können per Post geschickt, finanzielle Hilfe auf das Konto des Opfers überwiesen werden", sagt der Verantwortliche für den Landkreis Haßberge und ermutigt Opfer häuslicher Gewalt sowie alle anderen Opfer von Gewalt, sich an die Polizei und den Weißen Ring zu wenden.

Neben den Frauen richtet der Weiße Ring seinen Blick auf die Kinder. Die Hilfsorganisation macht sich große Sorgen um Kinder und Jugendliche, die gerade jetzt Gewalt in der Familie ausgesetzt sein können. Schulen, Sportvereine, Kindertagesstätten, Jugendclubs und alle Orte, an denen sonst Spuren von Misshandlungen entdeckt werden können, haben geschlossen, und Täter sind den ganzen Tag über zu Hause.

Schutz der Kinder

"Wir sind der Meinung, dass in dieser Situation jede und jeder versuchen muss, Kinder in der eigenen Nachbarschaft zu schützen", schreibt der Beauftragte für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig, unter anderem an den Weißen Ring, wie der Außenstellenleiter Helmut Will mitteilt. Deswegen wurde auch die Website www.kein-kind-alleine-lassen.de ins Netz gestellt. Auf der Website finden Menschen Flyer, die sie ausdrucken und im Hausflur, im Ladenfenster, im Supermarkt aushängen können. Auf den Flyern stehen die wichtigsten Notrufnummern oder Tipps für Kinder und Jugendliche, was sie tun können, wenn sie in Gefahr sind, und wo sie jemanden erreichen, der ihnen hilft.

Dringender Appell

"Mit der Aktion ,Kein Kind alleine lassen' verbinde ich den dringenden Appell an die Bevölkerung, in der aktuellen dramatischen Situation Kinder nicht aus den Augen zu verlieren", sagt der Missbrauchsbeauftragte. "Wir geben mit der Website den Menschen die Möglichkeit, aktiv mitzuhelfen. Wir wollen klarmachen: Schon das Aufhängen eines Flyers im Hausflur kann helfen, die Nachbarschaft daran zu erinnern, sich um Kinder und Jugendliche aus dem eigenen Umfeld zu kümmern und aufeinander aufzupassen."

Unterstützung leistet auch das Hilfetelefon: 0800-2255530, anonym und kostenfrei. red