Erlangen — "Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt." Dass der Artikel 1(1) unseres Grundgesetzes für ein Lebe in Würde gilt, ist eindeutig. Im November vergangenen Jahres begann mit einer vielbeachteten Debatte im Deutschen Bundestag die Diskussion über eine gesetzliche Regelung der (organisierten) Sterbehilfe. Das Parlament wird sich weiter mit dem Thema beschäftigen und bis Herbst zu einer Abstimmung kommen. Die Erlanger CSU nahm die kontrovers geführte Auseinandersetzung zum Anlass für eine hochkarätig besetzte Podiumsveranstaltung unter Leitung von Prof. Dr. Andreas Frewer (Professor für Ethik in der Medizin am Institut für Geschichte und Ethik in der Medizin an der FAU) im Pacelli Haus.
Zum Thema "Hilfe beim Sterben - Hilfe zum Sterben? In Würde!" diskutierten neben Vertretern der Ärzteschaft und Universität auch der bayerische Innenminister Joachim Herrmann, und der parlamentarische Staatssekretär bei der Bundesministerin für Bildung und Forschung, Stefan Müller. "Es ist ein Thema, das uns auf allen politischen Ebenen beschäftigt. Seit einer Weile stellen wir einen speziellen Tourismus in die Schweiz fest. Aus den Jahren 2008 bis 2012 sind allein im Kanton Zürich 611 Fälle von organisiertem Suizid registriert, davon kam knapp die Hälfte der Menschen aus Deutschland", beklagte der Minister. Daraus erwächst die Frage: Wie gehen wir mit indirekter Sterbehilfe um?
"Wenn es auf ausdrücklichen Wunsch des Patienten geschieht und simple Instrumente dazu geliefert werden, ist es nicht strafbar. Richtig ist, dass wir das Sterben nicht unnötig verlängern. Wenn das Leben zum Ende kommt, macht es keinen Sinn, dass man die Apparate künstlich weiterlaufen lässt", machte der Jurist deutlich.
Doch Joachim Herrmann sprach sich entschieden gegen die "organisierte und gewerbsmäßige Sterbehilfe im großen Stil" aus. "Wenn wir derartige Einrichtungen zulassen, ist der Tag nicht mehr weit, dass sich Menschen zum Selbstmord sozusagen ermuntert fühlen. Hier müssen deutlich Grenzen gezogen werden." Und er ergänzt unmissverständlich: "Es darf nicht darauf hinauslaufen, dass Sterben in irgendeiner Form beschleunigt oder gar gefördert wird. Da muss von Seiten des Gesetzgebers ein klares Stoppschild aufgestellt werden. Ich würde mir wünschen, dass der Bundestag die von verschiedenen Vereinen, Verbänden und Institutionen gewerbsmäßig betriebene Sterbehilfe unterbindet." Allerdings sieht der CSU-Politiker auch die Gesellschaft in der Pflicht. "Wir stehen hier vor einer ganz besonderen Herausforderung. Diejenigen, die Unterstützung brauchen, müssen eine bessere Hilfe mit der richtigen Medikamentierung erhalten. Dabei spielt auch die Sterbebegleitung zu Hause durch die Angehörigen eine Rolle. Es sollte hier keine Ausgrenzung bzw. Ausgliederung stattfinden."
Eine klare Haltung bezog auch der Erlanger CSU-Bundestagsabgeordnete Stefan Müller, der "mit Bedrücken" eine Zunahme von gewerbsmäßig Tätigen, Vereinen und Organisationen feststellt. "Ich habe insbesondere als gläubiger Christ ein Problem mit der Aussage ,Das Sterben gehört mir'. Man stirbt nicht nur für sich alleine, gerade die Angehörigen sind unmittelbar betroffen", so der Staatssekretär. Die Diskussionen über das Recht auf menschenwürdiges Sterben löst nach seinem Eindruck "sehr differenzierte Diskussionen, jedoch ohne Fraktionsempfehlung" aus.
Der 39-Jährige selbst vertritt aber eine eindeutige Position: "Wenn ich es einmal zulasse, dann geht es als Nächstes damit weiter, Tötung auf Verlangen straffrei zu stellen. Eine solche Werteverschiebung möchte ich nicht akzeptieren. Ich sehe daher im Hinblick auf die Beihilfe zum Suizid keinen Handlungsbedarf bei der derzeitigen Rechtslage. Im Klartext: Das Verbot von organisierter Sterbehilfe - egal ob durch einen Verein oder geschäftsmäßig ausgerichtet - muss uneingeschränkt bestehen bleiben." Für die Zukunft wünscht sich der Parlamentarier, dass "wir in der Palliativmedizin noch besser werden. Da haben wir Potenzial." Gemeinsam mit dem Bund überlegt sein Ministerium, "weitere Forschungsprogramme auf den Weg zu bringen."
Aus voller Überzeugung lehnt die Gynäkologin und Vorsitzende des Hospiz Vereins Erlangen, Dr. Inge Schwemmle, einen ärztlich assistierten Suizid ab. "Wir sind gefordert, darüber nachzudenken, ob wir nicht lieber Hilfe zum Leben als Assistenz zum Sterben haben wollen. Bei der Hospiz-Versorgung geht es darum, in Würde und begleitet sterben zu können - mit Unterstützung der Palliativmedizin." Dr. Michael Thümmler, langjährig erfahrener Facharzt für Allgemeinmedizin, plädierte für ein "Sterben an der Hand, nicht durch die Hand. Ein ärztlich unterstützter Selbstmord ist für mich absolut kein Thema. Mir geht es als Mediziner darum, die Schmerzen meiner Patienten zu lindern und ihnen bis zum Tod beizustehen." red