U nverdächtig kommt sie daher, die Jahreslosung für 2015: "Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zum Lobe Gottes". Der Apostel Paulus hat sie an das Ende seines letzten Briefes gesetzt, sie findet sich im 15. Kapitel des Römerbriefes. Man könnte sie getrost auch als sein Vermächtnis bezeichnen - und von daher geht sie sicherlich tiefer als eine allgemeine Mahnung, zueinander "nur" nett und freundlich zu sein.
Wer die Biographie des Apostels kennt, käme sowieso nicht auf die Idee, sie derartig oberflächlich zu verstehen. Er hatte es zeit seines Lebens mit einander ausschließenden Meinungen und Gruppierungen zu tun, ja, er war selber Bestandteil dieser Auseinandersetzungen. Er wusste, dass es eine schwierige Aufgabe ist, den Anderen anzunehmen. Denn Annehmen meint deutlich mehr, als ihn zu ertragen oder einfach zu respektieren.
Annehmen heißt, ihn in seinem Anderssein schätzen lernen, und das setzt wiederum voraus, den Anderen überhaupt kennenlernen zu wollen, und dazu bedarf es des Gespräches und der ehrlichen Bereitschaft, sich mit ihm auseinanderzusetzen. In diesen Tagen erleben wir in Dresden und anderswo eine beunruhigende Demonstration des Unwillens, einander anzunehmen - im Gegenteil, ein Ruf der Freiheit ("Wir sind das Volk") wird zur Manifestation des Willens zur Ausgrenzung und damit auf geradezu perfide Weise in das Gegenteil
verkehrt.
Das Volk Gottes besteht - und genau darum hat Paulus gekämpft - aus Menschen unterschiedlicher Völker und Kulturen, die einander als Schwestern und Brüder weltweit zur Solidarität verpflichtet sind.
Deutschland hat in den letzten 70 Jahren tiefgreifende Prozesse gelungener gegenseitiger Annahme erlebt: Flüchtlinge nach dem Krieg, Aussiedler in den 90er Jahren, aus sogenannten "Gastarbeitern" sind mittlerweile auch Bürger dieses Landes geworden und haben ihren Teil zu seiner Blüte und seinem Wohlstand beigetragen. Diese Prozesse waren eine große Herausforderung und begleitet von kulturellen und konfessionellen Konflikten.
Aber sie haben uns auch gezeigt: Wir sind, wenn wir nur wollen, in der Lage, einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat.
So gesehen ist die diesjährige Jahreslosung aktueller denn je.

(Hans-Christian Neiber ist der Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Zeil.)