Zugegeben, für Nachtwächter waren sie etwas zu früh unterwegs. Nichtsdestotrotz boten sie ein imposantes Bild am Gabelmann: Über 50 Nachtwächter, Türmer und gewandete Figurengestalten aus ganz Deutschland und Österreich versammelten sich um den Brunnen und erzählten manch heitere und manch schlüpfrige Geschichte aus längst vergangenen Tagen.
So unterschiedlich ihre Kostüme auch waren - neben klassischen Nachtwächtern fanden sich beispielsweise auch Ritter, Haarmännchen und ein Süntelgeist unter den Teilnehmern - eines einte sie: die Begeisterung, als Stadtführer unterwegs zu sein und die Mitgliedschaft in der Gilde der Nachtwächter. Grund ihres Bamberg-Besuches war die jährliche Hauptversammlung, die erstmals in der Welterbestadt stattfand.
"Unsere Gilde wurde im Jahre 2004 mit elf Mitgliedern gegründet. Inzwischen sind wir auf über 180 Mitglieder angewachsen", schilderte Gildenmeister und Nachtwächter zu Rees am Niederrhein, Heinz Wellmann, am Rande der öffentlichen Präsentation seiner Mannen und Frauen am Gabelmann. Ziel der Vereinigung sei es, Überliefertes zu bewahren und es an die Menschen unterhaltsam weiterzugeben.
Ferner wollen sich die Gildemitglieder in der Gemeinschaft weiterbilden und Kontakte untereinander pflegen. "Die Gilde bietet allen gewandeten Figuren und allen die sich der Kultur, Geschichte und Tradition verbunden fühlen ein Zuhause - ganz gleich, ob Mann oder Frau", erläuterte der Gildenmeister.
Doch was bewegte Heinz Wellmann, in Form eines Nachtwächters als Stadtführer tätig zu werden? "Vor 19 Jahren, also im Alter von 40 Jahren, schenkte mir meine Familie eine Nachtwächterführung. Allerdings musste ich dabei in ein historisches Kostüm schlüpfen und den Gästeführer unterstützen", erinnerte sich Wellmann.
Dies hätte ihn sehr viel Spaß bereitet, so dass er gleich Nachtwächter "anheuerte".
Seitdem schlüpfe er in sieben Rollen und versuche jung und alt mit Witz und Humor zu erfreuen. Denn laut Wellmanns Ansicht seien die Zeiten der "normalen" Stadtführungen, bei denen Städteführer mit Regenschirmen eine Gruppe anführen und diese mit reinen Zahlen überhäufen, ein Auslaufmodell.
Themenführungen hingegen würden sich immer größerer Beliebtheit erfreuen. "Denn trotz aller Anekdoten und heiterer Einlagen, vermitteln wir natürlich auch historisches Wissen. Aber eben humorvoll verpackt", so der Gildemeister.
Zudem liege der Reiz bei Nachtwächterführungen nicht zuletzt darin, dass sie abends oder in der Dämmerung stattfinden und so einen zusätzlichen Hauch von Mystik und kribbelnder Stimmung verbreiten. "In unserer schnelllebeigen Zeit sehnen sich viele Menschen nach etwas Ruhe und Bescheidenheit und daher nehmen wir sie gerne mit in die gute, alte Zeit längst vergangener Tage", sagte der Gildenmeister.
Ein gewandeter Stadtführer sollte allerdings Spaß im Umgang mit Menschen haben, bereit sein in eine Rolle zu schlüpfen, Interesse an der Historie seiner Stadt haben und vor allem möglichst spannend Geschichten erzählen können. Das könne man aber auch in Fortbildungen erlernen.
Als Belohnung bekomme man laut Wellmann viele glückliche Gesichter und manch schöne Anekdote. "Ich hatte einmal eine Führung als Kastellan vor einer Burg mit Grundschülern. Ich erklärte, dass die Menschen rund um die Burg wohnten und daher Bürger hießen. Als ich nach dem Chef der Bürger fragte, bekam ich von einem Kind als Antwort: Burger King", erzählte lachend Wellmann.
In Bamberg tagte die Gilde drei Tage lang. Neben internen Sitzungen präsentierten sich die Mitglieder am Gabelmann der Öffentlichkeit und gingen am Samstagabend mit auf Stadtführungen, wo sie jeweilis ihre Lieblingsgeschichten zum Besten gaben.