Allein in Oberfranken fehlen nach Angaben der Industrie- und Handelskammer Oberfranken aktuell rund 900 Lkw-Fahrer. "Die Situation verschärft sich zusehends", sagt Michael Möschel, Vorsitzender des IHK-Gremiums Kulmbach und geschäftsführender Gesellschafter der VA Verkehrsakademie. Auf einen neu ausgebildeten Kraftfahrer kämen drei, die in Rente gingen. "Die Verbraucher werden das in diesem Jahr auch im Weihnachtsgeschäft merken", warnte Möschel. Er rechne damit, dass "wer nicht bis Anfang November bestellt hat, die Ware vermutlich nicht mehr pünktlich vor dem Fest erhalten wird."

"Lkw-Fahrer ist ein Beruf, der den Zeitgeist nicht mehr trifft", erklärt er. So sei er mit körperlicher Arbeit und oft unattraktiven Arbeitszeiten verbunden. "Die gesellschaftliche Wertschätzung ist auch abhanden gekommen", sagt er. Wo man bis Mitte der 90er Jahre den Brummifahrer noch mit der großen, weiten Welt assoziiert habe, empfinde man "so einen Lkw heute als groß, gefährlich und stinkend."

Auch die Bedingungen für die Fahrer unterwegs seien oft schwierig, ergänzt Gerhard Souza Murrmann, Geschäftsführer der Spedition Murrmann. "Schlechte sanitäre Einrichtungen sind ein Problem, auch dass es ab 16 Uhr schwierig wird, unterwegs einen vernünftigen Parkplatz zum Übernachten zu finden." Ein Fahrer sei kein Entladepersonal, werde aber am Ziel häufig dazu missbraucht, und auch die langen Wartezeiten trügen nicht zur Attraktivität bei.

Hygiene bezeichnet auch Robert Gammisch, Geschäftsführer der LOG-IN Spedition in Neuenmarkt, als Problem. "Gerade durch Corona hat sich die Situation noch verschärft." Er halte für seine eigenen Fahrer beispielsweise Duschen und Toiletten auf dem Betriebsgelände vor, aber was mache man mit einem fremden Fernfahrer?

Um seine Mitarbeiter zu schützen, habe er auf dem Gelände für diese Fremdfahrer Dixie-Toiletten aufgestellt. Wie alle Speditionen sucht auch Gammisch nach Nachwuchs. "Letztes Jahr hatten wir Azubis, in diesem Jahr keinen", erklärt er. Eine Hürde, insbesondere für Quereinsteiger, ist für ihn auch der hohe Preis von um die 10 000 Euro, den man für einen Führerschein hinlegen müsse. "Natürlich unterstützen die Firmen dabei finanziell - in der Hoffnung, dass der Azubi oder der Umschüler hinterher auch bei der Firma bleibt."

Einer, der sich bewusst für eine Ausbildung zum Kraftfahrer entschieden hat, ist Mathis Basdorf. Seit 1. September steht er bei der Spedition Murrmann in der Ausbildung, einer von zweien, die das Unternehmen einstellen konnte. "Ich hatte angefangen, in Coburg Innenarchitektur zu studieren", erklärt der 21-Jährige. Nicht nur Corona habe ihm jedoch das Studium vergällt. Also entschloss er sich, einem Jugendtraum zu folgen und Brummifahrer zu werden. "Das Fahren gefällt mir sehr gut, und große Maschinen und das Komplexe begeisterten mich schon lange." Natürlich wisse er, wie es um das Ansehen und die Bezahlung in dem Beruf stehe. Dennoch: Sein Traum ist es, Fernfahrten zu machen, solange er noch ungebundener sei.

Drei Jahre dauert die Ausbildung zum Kraftfahrer. Am Beruflichen Schulzentrum in Kulmbach findet sie für Kraftfahrer aus ganz Nordbayern statt: "Die Lkw-Fahrer sind sogar die Gruppe mit den meisten Schülern an unserer Schule", erklärt Schulleiter Alexander Battistella. wobei seit kurzem auch hier die Einbrüche in den Ausbildungszahlen zu beobachten sind. "Wir sehen uns auch dem Problem einer Überakademisierung gegenüber", sagt Battistella. Robert Gammisch seinerseits appelliert an die Verbraucher: "Wenn ich zum Beispiel ein paar Schuhe kaufe und zwei Paar bestelle, in dem Wissen, dass ich sicher ein Paar kostenfrei zurückschicken werde, so geht das am Ende zu Lasten der Logistikdienstleister", erklärt er.

10 000 Container warten

Das Transportbarometer, welches das Verhältnis zwischen freiem Laderaum und tatsächlichem Bedarf beschreibt, spreche seine eigene Sprache. In der vergangenen Woche habe das Verhältnis bei 80/20 gelegen, so Michael Möschel. "Das heißt, wir haben vier Mal so viel Nachfrage wie es freien Laderaum gibt."

"An der US-Westküste beispielsweise liegen aktuell 50 Containerschiffe mit je 10 000 Containern vor Anker, die nicht gelöscht werden können, weil es zu wenige Hafenarbeiter gibt", erzählt Möschel weiter. Und selbst wenn sie gelöscht werden könnten, bräuchte es 500 000 Lkw, die die Ware verteilen.

"Ganz so schlimm ist es bei uns noch nicht, aber wir sind auf den Weg dahin." Eine Warnung, die Gerhard Souza Murrmann unterstreichen kann: "Wir haben eine eigene Dieseltankstelle und mehrere Lieferanten", sagt er. Ein Lieferant könne aktuell nicht liefern, weil kein Fahrer da sei. "Natürlich bedienen wir unsere Kunden noch wie zuvor, aber britische Verhältnisse sind nicht mehr weit weg."