von unserem Mitarbeiter Alfred Thieret

Schney — Tradition hat mittlerweile der einwöchige Aufenthalt des Berliner Seniorenorchesters Steglitz/Zehlendorf jeweils im August in der Franken-Akademie Schloss Schney. Am Sonntag traf das 20-köpfige Orchester wieder in der Bildungseinrichtung ein. Im Vordergrund stand dabei die Teilnahme an einem sechstägigen politischen Seminar, das man aber mit einer täglichen Orchesterprobe in den Abendstunden und Konzerten im Katharina-von-Bora-Altenheim in Michelau und in der evangelischen Kirche von Schney verband.
Wie immer hatte der Seminarleiter Rudolf Kindl bei seiner Seminararbeit ein politisches und ein musikalisches Thema ausgesucht. Diesmal hatte er sich mit dem transatlantischen Freihandelsabkommen TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership), mit dem Handelshemmnisse zwischen der EU und den Vereinigten Staaten abgebaut werden sollen, ein wirtschaftspolitisches Thema ausgesucht.
Im musikalischen Teil betrachtete er die Veränderung des Musicals mit dem Zeitgeist im Verlauf der letzten 100 Jahre. So habe sich das Musical im Vergleich zur Oper und Operette längst zur populärsten Musikform entwickelt. Natürlich durfte während des Aufenthalts in Schney auch ein Ausflug nicht fehlen, der diesmal zum Wildpark nach Tambach führte.


Soziale Maßnahme

In den Abendstunden wurde eifrig geprobt. Das Orchester wurde bereits 1972 zunächst als reines Streicherensemble auf Veranlassung des Bezirksamts Steglitz als soziale Maßnahme gegründet, um musikalisch begabten Menschen nach ihrem Ausscheiden aus dem Berufsleben eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung zu ermöglichen. Durch das Hinzufügen von Bläsern entstand mit der Zeit ein richtiges Orchester. Die Altersstruktur bewegt sich aktuell zwischen 57 und 89 Jahren.
Wie bei vielen Vereinen besteht allerdings auch hier das Problem, dass für ausscheidende Mitglieder zu wenige musikalisch interessierte Personen nachrücken. Geprobt wird einmal wöchentlich nachmittags drei Stunden in einer Seniorenbegegnungsstätte in Steglitz, wobei auch eine Kaffeepause mit eingerechnet ist. "Alle Jahre stellen wir ein neues Jahresprogramm zusammen, das wir dann als Grundlage für die sechs bis acht Konzerte nehmen, die wir pro Jahr in Kirchen, Gemeindehäusern und Seniorenheimen veranstalten", stellt der Dirigent Wolfgang Becker fest.
Auch das gesellige Leben kommt bei einem Tagesausflug in Berlin, der Weihnachtsfeier mit Angehörigen und dem einwöchigen Aufenthalt in Schney nicht zu kurz.
Orchesterleiter Wolfgang Becker hatte für das eineinhalbstündige Konzert in der evangelischen Kirche ein breit gefächertes Repertoire mit dem Seniorenorchester einstudiert, das von klassischer Musik über Operetten- und Musicalmelodien bis zu Schlager und Evergreens reichte, wobei Ina Fliegener die Moderation übernahm und das Programm durch Gedichtvorträge auflockerte.
Mit der feierlichen Musik, die Richard Wagner im Jahr 1844 zum Empfang des sächsischen Königs Friedrich August II. nach seiner Rückkehr aus England unter dem Titel "Sei uns gegrüßt" schrieb, richteten die Berliner auch einen Willkommensgruß an das Publikum. Weiter ging es mit Walzerklängen des bekannten ungarischen Operettenkomponisten Franz Lehar und dem Ungarischen Tanz Nr. 5, dem wohl populärsten der 21 ungarischen Tänze, die Johannes Brahms in der Zeit von 1869 bis 1880 schrieb.
Bei dem Lied "Wenn der weiße Flieder wieder blüht" erinnerten sich viele Zuhörer an den Heimatfilm mit Willy Fritsch, Magda und Romy Schneider, während der einst von Rudi Schuricke gesungene Schlager "Die Capri-Fischer" die Sehnsucht der Deutschen nach "bella Italia" widerspiegelte. Bei der eingängigen Melodie "La Paloma" legte Wolfgang Becker seinen Dirigentenstab beiseite und unterstützte seine Musiker mit dem Saxophon.


Hommage an Udo Jürgens

Als Hommage an den verstorbenen Udo Jürgens spielte das Orchester den Superhit "Griechischer Wein". Im zweiten Teil standen dann mehrere Potpourris auf dem Programm. So präsentierten die Seniorenmusiker einen Melodienstrauß des Berliner Komponisten Paul Lincke mit Gassenhauern wie "Berliner Luft", "Glühwürmchen" und "Oh Theophil", ein Medley bekannter lateinamerikanischer Musikstücke wie "Amor, Amor" und "Besame mucho" sowie als Höhepunkt ein Potpourri mit Filmmelodien aus den 1930er-Jahren mit einmaligen Hits wie "Kann denn Liebe Sünde sein", "Das gibt's nur einmal" und "Ich tanze mit dir in den Himmel hinein".
Dem Song "I will follow him" aus dem Film "Sister Act" ließ das Orchester als Zugabe noch den Titel "Musik ist Trumpf" folgen.
Die Seniorenmusiker, die am Freitag wieder die Heimreise antraten, wurden vom Publikum mit reichlich Beifall verabschiedet.