Viel Bohei hat man schon im Vorfeld um die Neuinszenierung von Richard Wagners "Tannhäuser" an der Münchner Staatsoper gemacht, der angesagtesten Premiere dieser Saison. Das liegt nicht nur am aufgebotenen Starensemble inklusive Hausdirigent Kyrill Petrenko, sondern ebenso am hierfür engagierten Regisseur.
Der sendungsbewusste Gesamtkunstwerkler Romeo Castellucci, der sowohl für die Inszenierung als auch für Bühne und Kostüme zu sorgen pflegt, weiß sich wortmächtig zu äußern, und er weiß vor allem, dass man am kapitalsten Kreuzer der deutschen Opernflotte nicht kleckern muss, sondern klotzen darf. Schon der erste Regieeinfall deutet an, welcher Aufwand hier zu erwarten ist: 30 barbusige Amazonen schießen mit ihren Bögen eine ganze Ouvertüre lang Pfeile auf einen Kreis in der Rückwand, der mal ein Auge, mal ein Ohr zeigt. Das soll wohl für die Verwundungen stehen, die einerseits der Sinnlichkeit der Venuswelt, andererseits der Enthaltsamkeit religiöser Gegenwelten zugefügt werden. Die Idee ist zwar originell, aber nebensächlich.
Gleichwohl gerät ihre Ausführung sehr aufwändig, und es befremdet zunehmend, dass sie sogar die gesamte Inszenierung prägt, ja dominiert. Die Pfeile, ob geschossene oder wegweisende, sind Castelluccis roter Faden, was später noch bestätigt wird, wenn der Tannhäuser sich als Büßer mit einem solchen kasteit oder zum Flitzebogen statt zur Harfe greift und im Schlussakt ein goldener Pfeil den Weg zurück aus Rom anzeigt.
Bei seinem ersten Erscheinen krabbelt der Protagonist durch das Pfeilgewirr hindurch an der Wand hoch, um zum Venusberg zu gelangen. Dort enthüllt ein Gaze-Vorhang das wuchernde Fleischgebilde der Liebesgöttin, eine alles verschlingende Haut, die des Tannhäusers erotisches Dilemma als recht ekelhafte Konstellation präsentiert - kein schönes Ambiente für die fabelhafte Elena Pankratova! Wogende Leiber betonen das Erotische auch in der Folge, doch es wird mehr in Richtung der Elisabeth projiziert, die zwar würdevoll statuarisch, aber höchst transparent auftritt. Anja Harteros singt ihre Partie mit schönem Piano, aber flackrigem Forte. Aussparungen in der Rückwand, zunächst in Form eines Frauenkörpers, dann wieder in Kreisform, bedienen die voyeuristischen Neigungen der Zuschauer, denn Castellucci hat im Hintergrund eine reichhaltige Unterhaltungsszenerie zu bieten. Zu der gehört auch ein veritables Pferd, auf dem eine Amazone in einer Pose vorbeireitet, als wäre es eine Bamberger Reiterin.


Münchner Murks?

Spätestens hier begreift man, warum in ersten Reaktionen auf diesen neuen "Tannhäuser" vom "übersubventionierten Münchner Murks" die Rede war. Das trifft zwar auf den immensen Bühnenaufwand zu, doch zu bedenken ist, dass die extrem ästhetisierende Vorgehensweise Castelluccis ihre Faszination nur aus einer opulenten Überwältigungsstrategie beziehen kann.
Zu Beginn des dritten Aktes scheint Kyrill Petrenko das Orchester zu streicheln, so sanft vermag er die Klänge zu modellieren. Doch unvermittelt folgt dramatisches Aufbäumen - dieser begnadete Dirigent besitzt Goldhände. Dann aber wird der Akt in musikalischer Hinsicht auch deshalb eine Wucht, weil es einen Christian Gerhaher (als Wolfram) gibt. Schon vor seinem fabelhaften "Abendstern" hat er alle Facetten einer exquisiten Sangeskunst gezeigt. So zwingend wie er vermag kaum jemand eine Rolle zu gestalten, das ist sängerdarstellerisch einfach sensationell! Seinen Bamberger Auftritten in der nächsten Saison darf jedenfalls entgegengefiebert werden ... Auf Klaus Florian Vogts Rollendebüt als Tannhäuser war München sehr gespannt, doch der unangefochtene Lohengrin-Champion blieb eine Spur zu blass in einer Partie, deren Zerrissenheit mehr Dramatik zeitigen müsste. Gleichwohl kann man sich an seinem glockenreinen Tenor gar nicht genug ergötzen. Am Ende Begeisterungsstürme für alles Musikalische, ein laues Buh-Gewitter für die Inszenierung.