Christoph Böger Trotz aller Hürden und Vorschriften: "Wir haben immer noch eine luxuriöse Situation. Gottesdienste wurden früher sogar geheim abgehalten. Oder in anderen Ländern wie Polen in dunklen Kellern auf engstem Raum". Pfarrerin Lisa Meyer zu Hörste ist nachdenklich, meistert derzeit ihre ungewöhnlichen Aufgaben in der Wildenheider Friedenskirche aber mit spürbar viel Herzblut.

Mit dem Zollstock in der Hand läuft sie durch das kleine, schmucke, 65 Jahre alte Gotteshaus und misst Abstände aus. Sie selbst ist erst seit knapp zwei Jahren in der Kirchengemeinde Wildenheid-Meilschnitz tätig. "Ich fühle mich hier sehr wohl". Am Sonntag um 19.30 Uhr findet ihr erster Gottesdienst nach der Corona-Zwangspause statt.

Und das trotz großem Aufwand. "Wir haben im Kirchenvorstand kontrovers diskutiert. Aber jetzt versuchen wir es. Erst einmal einen Gottesdienst, dann sehen wir weiter!"

Offiziell nur 14 Plätze

Klar ist, dass es eine außergewöhnliche Feier wird. "Wir haben offiziell nur 14 Plätze", sagt die aus Dortmund stammende Kirchenfrau. Die Vorschriften müssten streng eingehalten werden. Im Radius von sechs Metern darf sich während ihrer Predigt keine Person zur Pfarrerin aufhalten. Sie wird am Muttertag-Abend die Einzige sein, die beim Sprechen ihren Mundschutz abnehmen darf. Alle anderen Gottesdienst-Besucher tragen Mundschutz und müssen stets zwei Meter Abstand zum Nebenmann einhalten.

Alle Möglichkeiten ausgeschöpft

Die Wildenheider sind im Vorfeld sehr emsig und schöpfen schon jetzt alle Möglichkeiten aus, um möglichst vielen Besuchern Platz zu bieten. "Ich glaube, viele Menschen sehnen sich nach einem schönen Gottesdienst", sagt die Predigerin. Sogar die Tür zum direkt angrenzenden Gemeindesaal wird geöffnet, um weiteren Gläubigen drei Sitzmöglichkeiten zu geben.

Predigen wird Lisa Meyer zu Hörste von der Kanzel. Normalerweise setzt sie sich vorher und nachher in eine Bank - "das mache ich diesmal nicht, sondern setze mich in der Kanzel auf die Stufe". Denn dann ist der Abstand zu den vordersten Reihen größer und "es können ein, zwei Leute mehr rein."

Nicht Singen - nur Summen

Drei ehrenamtliche Helfer aus dem Kirchenvorstand müssen als "Aufsichtspersonal" einspringen. Das Trio kontrolliert am Sonntagabend Mundschutz und Mindestabstand. Sie müssen vor dem Gotteshaus diejenigen abweisen, für die kein Platz mehr frei ist. Die Pfarrerin hofft auf Verständnis. Froh ist sie, dass kleine Familien gemeinsam kommen dürfen und beispielsweise dann zu dritt einen der 14 "Haushaltsplätze" besetzen.

Wer sich einen der begehrten Plätze sichert, darf allerdings nicht singen. "Das ist schade, denn Singen gehört zum Gottesdienst einfach dazu. Singen schafft eine schöne Atmosphäre. Aber leider ist nur Summen erlaubt", klärt die Theologin über eine weitere Vorschrift auf. Dennoch ist sie von einer besonderen Atmosphäre am Sonntag überzeugt. Die Seelsorgerin hatte sogar überlegt, ob sie extra eine Sängerin engagiert. Doch das wäre auf Kosten von weiteren Plätzen gegangen. Deshalb wird keine Solistin singen.

Auch die Wildenheider Konfirmanden müssen derzeit auf Gottesdienste in ihrer Friedenskirche verzichten. Doch die "pfiffige Pfarrerin" hat sich auch dafür etwas einfallen lassen. Künftig schickt sie den Jugendlichen in einem Chat Fragen und Aufgaben rund um die Kirche. Mit Hilfe von Gottesdiensten, die die Kinder im Fernsehen verfolgen sollen, finden sie die Lösungen heraus. "Ihre Unterschrift für das Konfi-Buch bekommen die Kinder dann von ihren Eltern", freut sich Lisa Meyer zu Hörste über die gute Zusammenarbeit mit ihren Konfirmanden und dem Elternhaus.

Chat und Konfirmation

Die Konfirmation am 19. April wurde in Wildenheid zum Bedauern aller abgesagt. Doch es gibt bereits einen Ersatztermin: Die Konfirmation findet am Sonntag, 20. September, statt. Die Hoffnung, dass der Gottesdienst in der Friedenskirche dann in einem dem Anlass entsprechenden, festlichen Rahmen stattfindet, ist sehr groß.