Bernhard Panzer

Wenn Veit Ludwig von Seckendorff heute sehen würde, was in seiner Geburtsstadt bezüglich des kommunalen Haushaltes gerade geschieht, dann würde er sich...zumindest vielleicht wundern. Denn der im Jahre 1626 in Herzogenaurach geborene Gelehrte und Staatsmann galt als Hauptvertreter des älteren deutschen Kameralismus. Und was geschieht jetzt? Knapp 400 Jahre später hat sich die Stadt von der Kameralistik abgewendet und sich der Doppik verschrieben. Und ist da auch noch im ganzen Lande mit führend.
"Wir sind in Bayern Musterknaben", stellte Bürgermeister German Hacker (SPD) dieser Tage in einem Pressegespräch fest. Gemeinsam mit Stadtkämmerer Manfred Hofmann und dessen Mitarbeiter Sören Bischoff präsentierte Hacker die ersten Jahresabschlüsse, die komplett auf Basis der neuen kaufmännischen Buchhaltung geschehen sind.


Ausnahme in Bayern

Bereits 2010 erfolgte im Herzogenauracher Rathaus der Umstieg. Hacker erinnert sich an die "berühmte Eröffnungsbilanz". Viel Skepsis habe es damals gegeben, und diese gibt es heute in anderen Kommunen wie auch im Freistaat immer noch. Denn die doppische Buchhaltung ist nicht zwingend vorgeschrieben.
In Herzogenaurach aber hat man jetzt einen Punkt erreicht, da man die Jahresrechnungen der Jahre 2010 bis 2015 präsentieren kann. Damit bildet man laut Hacker die Ausnahme nicht nur in Bayern. Man hat sich auch bemüht, vergleichbare Kommunen zu finden, die bereits ebenfalls so verfahren. Bundesweit wurden 128 gefunden. Die Vergleichswerte sind nun zusammengefasst in Grafiken ersichtlich. Zu finden ist das auf mehreren hundert Seiten im Internet über die Homepage der Stadt. Die wesentlichen Eckdaten haben auch die Stadträte erhalten, die in ihrer Sitzung morgen Abend darüber befinden sollen.
Mit der Doppik gelingt es, das städtische Vermögen auch tatsächlich zu erfassen. Einschließlich der Abschreibungen. Da ist alles erfasst, was wirtschaftlich sinnvoll ist. Beispielsweise werden auch alle städtischen Straßen nach ihrem Wert verzeichnet. Das geschieht in jährlichen Bilanzen, ähnlich der Vorgehensweise in privaten Wirtschaftsbetrieben.
In der Kameralistik könne das Vermögen nicht so dargestellt werden, weil es auch keine Bilanzen gebe, sagte der Kämmerer im Pressegespräch. In der Doppik sei aber alles detailliert aufgezeichnet, einschließlich der Abschreibungen und Rückstellungen. Auch in der Kameralistik gebe es zwar die Möglichkeit der freiwilligen Rücklage, "das macht aber keiner", sagte Hofmann. Keiner wolle gern ins Minus rutschen. Und auch der Freistaat wehre sich gegen die Umstellung. Das ist für den kommunalen Finanzmann durchaus nachvollziehbar, da man man ja jeden einzelnen Vermögenswert erfassen muss. Schwierig wäre da beispielsweise schon die Antwort auf die Frage, was denn die bayerischen Seen eigentlich wert sind.


Effiziente Verwaltung

Bürgermeister German Hacker nimmt die Fortschritte in der Haushaltsführung mit großem Stolz auf. Zum einen hat er viel Lob für seine Mitarbeiter parat, zum anderen freut er sich über Ergebnisse der vielen Grafiken, die man im kommunalen Vergleich erhielt. Hacker: "Das Beispiel Personal und Dienstleistung zeigt, dass die Stadt sehr effizient arbeitet."
Allein der Rechenschaftsbericht für das Jahr 2015 umfasst 53 Seiten. Darin ist unter anderem auch ersichtlich, dass die Verschuldung zum Jahresende bei gerade mal einer Million Euro liegt und Herzogenaurach damit faktisch schuldenfrei ist, dass Herzogenaurach über 21 400 Arbeitsplätze verfügt, dass die Pro-Kopf-Verschuldung bei verschwindend geringen 52 Euro liegt.
Am Randes des Pressegesprächs stellte der Kämmerer noch mit Freude fest, dass die Einnahmen aus der Gewerbesteuer, die ja die wesentliche Zahl bei de Kernfinanzierungsmasse ausmachen, sich heuer gegenüber dem Ansatz verdoppelt hat. 2016 ist also mit 42 Millionen zu rechnen, angesetzt hatte man 20.5 Millionen. Übrig bleiben davon aber nur 41 Prozent. Der Rest fließe in die Gewerbesteuerumlage an Land und Bund, und die zwei Jahre versetzte Kreisumlage sei ebenfalls ein dicker Brocken.
Der 2015-er Jahresabschluss in doppischer Buchführung sei übrigens der erste einer Kommune in Bayern, sagte Bürgermeister Hacker. En bloc stimmt der Stadtrat nun über alle Abschlüsse seit 2010 ab. Die hatte man nach der Umstellung bisher nicht erfasst.
Vielleicht wäre der Kameralismus-Vorreiter Seckendorff aber auch ganz einverstanden mit der Entwicklung seiner Geburtsstadt, wenn er heute leben würde. Denn sein Kameralismus wäre heute wohl veraltet. Laut Wikipedia verfolgte dieser "die direkte Intervention des Staates und die untergeordnete Bedeutung eines freien Unternehmertums."